Konrad Bayer Konrad Bayer (1932-1964), früh verstorbenes Mitglied der legendären
"Wiener Gruppe" (Achleitner, Artmann, Bayer, Rühm, Wiener), zeigt
sich in den Originaltonaufnahmen dieser Doppel-CD wie in einem,
in all seinen Empfindungen gesteigertem Leben vor dem Tod. Zu
hören ist die Stimme Bayers, eine Stimme von berückender Intensität,
in drei Auftritten aus den Jahren 1962 bis 1964: im Studio und
live vor der "Gruppe 47". Bayer liest aus verschiedenen Fassungen
des unvollendet gebliebenen Romanmanuskripts der sechste sinn,
seiner umfangreichsten und wichtigsten literarischen Arbeit, an
der er jahrelang bis zu seinem Tod gearbeitet hat. In ihr artikuliert
Bayer nicht nur die Ergebnisse seiner langjährigen Sprachexperimente,
basierend auf einer radikalen Skepsis gegenüber Sprache als Vermittler
und Kommunikationsmöglichkeit an sich, sondern auch Erfahrungen
eines exzessiv geführten Lebens mit deutlichen Tendenzen zu Grenzsituationen.
Durch die "Gruppe 47" (Ernst Bloch, Erich Fried, Walter Jens,
Hans Mayer, Hans Werner Richter u.a.) werden die unveröffentlichten
Texte Bayers vor ein intellektuelles Tribunal zitiert und einer
Prüfung unterzogen, welche in dieser Form einmalig war und heute
Geschichte ist. Wenige Tage nach seinem Auftritt im schwedischen
Sigtuna begeht Konrad Bayer Selbstmord. Stimmen der Kritik: "Diese Doppel-CD mit Originaltonaufnahmen stört die Kanonisierung.
Wir hören Konrad Bayer nicht als Altavangardisten, sondern kriegen
die Ware direkt aus der Werkstatt geliefert. Die Dichte des Materials,
die Vielfältigkeit der Technik, natürlich auch die Verweigerung,
die nicht postuliert, sondern durchgearbeitet wird, erschliessen
sich sofort. Nicht die Gruppe 47, Bayer hat den Konsens aufgekündigt."
(Jungle World, Berlin) "Ein grosser Coup!" (Tages-Anzeiger, Zürich) "Auf die Doppel-CD trifft zu, was Ö1 unablässig von sich selbst
behauptet: Die Lesungen Konrad Bayers aus dem Roman "der sechste
sinn" gehören gehört, weil sie zu den unterhaltsamsten Tondokumenten
der österreichischen Avantgarde zählen. Die Diskussionen dieser
Texte innerhalb der Gruppe 47 gehören gehört, weil sie eindrucksvoll
beweisen, was passiert, wenn formal avancierte Literatur unter
den Maßstab der Moral gerät... Wenn man sich die Texte Bayers
heute anhorcht, vermeint man an ihnen noch immer etwas von ihrer
ursprünglichen Fremdheit zu spüren, und das hängt vielleicht wirklich
damit zusammen, daß das kulturpolitische Umfeld, um diese Texte
nur ja grundlegend falsch zu verstehen, in Österreich heute gerade
wieder einmal genau das richtige zu sein scheint. Wäre "der sechste
sinn", an dem Bayer bis zu seinem Selbstmord Ende 1964 gearbeitet
hat und der Fragment geblieben ist, nicht schon geschrieben, man
müßte ihn heute neu erfinden, und man müßte gleich auch das Unverständnis
miterfinden, auf das der Text (zumindest in der zweiten Lesung)
vor der Gruppe 47 gestoßen ist. Das Unverständnis der Moralapostel
schadet den Texten Konrad Bayers bezeichnenderweise nicht. Je
weniger die Moral den Text zu fassen vermag (der Antisemitismus-Verdacht
und die Auschwitz-Keule sind letztlich völlig unzulängliche Versuche),
desto direkter wirkt dieser auf seine Zuhörer. Auf der Doppel-CD,
die drei Lesungen Bayers versammelt, kann man sich davon unmittelbar
überzeugen: Die Stimme des Autors wirkt so lebendig, als bezöge
sich sein radikales Projekt literarischer Weltbefragung auf keine
andere Zeit als die heutige." (Klaus Kastberger, Wespennest) "Bayers experimentierfreudiger Sprachwitz fragt immer nach der
Sinnhaftigkeit des Sprechens und damit auch nach dem Sinn des
Lebens. Nur ist für Bayer der Sinn des Lebens nicht ohne den sechsten
Sinn, also nicht ohne das Okkulte, Surreale und das bodenlos Transzendente
zu berechnen. Das Lachen, das die gestrengen Herren der Gruppe
47 bei Bayers Vortrag befiel, blieb Ihnen meist im Halse stecken.
Der Wiener Melange aus gewieftem Sprachulk und dandyhafter Metaphysik
waren etwa Erich Fried, Walter Jens und Hans Mayer nicht gewachsen.
Allein Ernst Bloch delektierte sich am Zusammenspiel von 'Witz
und Grauen' und empfahl Bayers Texte jedem anständigen Philosophen."
(Die Welt) "Das Tondokument dreier Lesungen aus den Jahren 1962 bis 1964
erweist sich gerade in seiner Intensität des Vortrags als ein
rares Juwel, das eindringlich an die alte Bindung von Dichtung
und Musik erinnert. Diese Performances bieten zugleich auch bisher
unveröffentlichte Passagen eines 'Romans', der mit seinem destruierenden
Witz und seiner ungeheuren Wucht gegen die Konventionen von Kunst
und Leben noch heute zu verstören vermag." (skug - Journal für
Musik, Wien) "Der Erfolg von Bayers Auftritt war überwältigend. Wie die Tonaufnahmen
zeigen, kamen die pointierten Texte beim Publikum sehr gut an.
Der Philosoph Ernst Bloch faßte in der anschließenden Diskussion
die Reaktionen zusammen und brachte Bayers poetische Technik anhand
des Schlußzitates aus der Lesung ("er nahm platz, sozusagen")
auf den Punkt: Eine Form von Heimatlosigkeit auf der Welt und
Sprengung des Verabredeten ist hier, und zwar bezeichnenderweise
mit Witz. Der Witz und das Grauen hängen sehr eng zusammen. Im
Kabarett des Grauens, hat einer gesagt, wirds am Ende auch wieder
ganz gemütlich. Das ist alles sehr gemütlich und auch alles sehr
unheimlich ... Und die Sphären sind eingestürzt, das Verabredete
hört auf. Und trotzdem ist alles in einem, noch nicht recht entdeckten
Punkt wieder versammelt, und dieser Punkt wird durch diese uferlosen
Assoziationen erleuchtet, und am Schluß kommt das melancholische
"sozusagen", aber in Verbindung mit etwas so Sicherem, Verabredeten,
Heimathaften wie "Er nahm Platz" ... Also eine neue Form, von
der die Philosophen manches lernen könnten." (Klaus Kastberger:
Alchemie des Ganzen, in: Die Teile und das Ganze, Profile Bd.
10, Wien 2003)
Der sechste Sinn
Originaltonaufnahmen 1962-1964
Herausgegeben von Klaus Sander
2-CD-Set, 110 Minuten
ISBN 3-932513-32-0
EUR 26,80
CD1:
1) aus dem roman "der sechste sinn"
berlin, juli 1962 (28 min)
2) aus: der sechste sinn.
lesung vor der "gruppe 47"
saulgau, herbst 1963 (38 min)
CD2:
3) einige passagen aus: der sechste sinn.
lesung vor der "gruppe 47"
sigtuna, september 1964 (43 min)