Tracks: BST Stimmen der Kritik: "Wahrlich eine Überraschung! Eine atemberaubende Platte, ein totaler
Knaller, ein nicht für möglich gehaltener dritter (oder siebter)
Weg freier Musik. Sehr, sehr rabaukig, ohne in fixe Gesten der
Gewalt einzuschnappen. Das Brachiale entsteht nicht durch Selbstvereinfachung,
sondern auf die entgegengesetzte Weise: laute komplizierte Zustände
des Kollegen aushalten ohne dabei selber Ruhe zu geben. Die viel
zitierte Intensität des Free Jazz ganz ohne dessen Floskeln, und
natürlich auch ohne die Probleme, Fortschritte und Verfeinerungen
einer öffentlich mit sich selbst beschäftigten Profi-Improv-Szene:
im Moment der extremen Freiheit in den Psycho-Tank gesperrt und
dort 30 Jahre sich selbst überlassen. Dass ihnen die Puste nicht
ausgeht, liegt daran, daß sie nicht blasen, sondern streichen
(schlauer Trick!)" (Diedrich Diederichsen, Der Tagesspiegel) "Klaus Theweleit und seine Band BST - was für die Namen der Musiker
steht, Berger/Schaeffer/Theweleit - spielen Free Jazz. Jene Spielart
der improvisierten Musik, die am radikalsten dem Jetzt verpflichtet
ist, der Interaktion zwischen den Beteiligten. Jene Musik, die
mitunter auch als Absolute Musik bezeichnet wird, da sie sich
am stärksten der Kommunikation mit dem nichtmusikalischen Außen
verweigert. Eine Musik, die sich ständig dem Risiko aussetzt zu
scheitern, einfach nur Krach zu sein. Sie funktioniert über eine
Mischung aus Routine und Spontanität. Der eine macht was, der
andere macht was, und das Ganze fließt oder es fließt eben nicht.
Deshalb kann man über Free Jazz eigentlich auch nur Anekdoten
erzählen, große historische Bögen ziehen oder mächtige Theorien
entwickeln. Über konkrete Platten bleibt meist wenig zu sagen
außer: Intensiv. Oder: So ähnlich wie ... Oder: nicht ganz so
wie bei der letzten Platte. Über Viosilence von BST könnte man sagen, sie höre sich an, als würden die drei
Musiker Bläser benutzen, obwohl sie es gar nicht tun. Es sind
Saiteninstrumente, nur mit dem Bogen gestrichen und verzerrt.
Knallt aber wie ... - und schon ist man wieder beim Vergleich.
Nun fällt Viosilence nicht vom Himmel. Drei CDs hat Theweleit beim Kölner supposé-Verlag
herausgebracht. Ekstasen der Zeitenmischung über Geschichtsdarstellungen bei Arno Schmidt, Ezra Pound und
Hilda Doolittle, Jean Luc-Godard und einigen mehr und Das RAF-Gespenst sind die beiden anderen. Beides sind Aufnahmen von Vorträgen
Theweleits im Berliner Ensemble. Und auf die Gefahr hin, Viosilence Gewalt anzutun, genau das zu machen, dem sich diese Musik eigentlich
verweigert - man kann die Platten auf einer gemeinsamen Karte
einzeichnen. Das RAF-Gespenst ist ein autobiografischer Essay über die RAF. Über Theweleits
Kindheit und Jugend als Sohn von Vertriebenen in Schleswig-Holstein,
über die Schwierigkeiten, in den Fünfzigern eine Sprache zu finden,
darüber, wie die Protagonisten der Studentenbewegung schließlich
über Pop und Politik ein Gegensprechen entwickeln, ein Durcheinandersprechen.
Darüber aber auch, wie sich diese Sprache in den frühen Siebzigern
wieder homogenisiert, K-Gruppen entstehen, die RAF gründet sich.
Die Sprachexplosion der Sechziger wird zurückgenommen, Zusammenhänge
lösen sich auf, auf einmal wird man auf der Straße nicht mehr
gegrüßt, eine Logik des Verrats setzt ein. Hier kommt die Musik
ins Spiel. Denn parallel zu dem Rückzug ins Semiprivate, die den
SDS-Aktivisten in einen schreibenden Familienvater verwandelt,
fangen Theweleit und andere an, Musik zu machen. So wie er den
Bruch beschreibt, der in den frühen Siebzigern die Linke durchzog
- schließe ich mich einer autoritären Gruppe an oder nicht? -,
ist es nur logisch, dass er sich Free Jazz zum Modell eines emanzipatorischen
Weitermachens heranzog. Während in den K-Gruppen oder der RAF
Strukturen von Befehl und Gehorsam eingesetzt wurden, bot etwa
das Art Ensemble Of Chicago Möglichkeiten des hierachiefreien
Durcheinanders an. Kein Bandleader, keine Vorgaben, all das aber
in dem Wissen, ein Kind der Geschichte zu sein - das perfekte
Role Model für Linke in der Krise. Ein Modell allerdings auch,
das ohne Pop-Appeal auskommt. Wenn Theweleit in seinem Vortrag
die Politik der RAF beschreibt als ein 'sich mit anderen verwechseln',
so ist dies genau der Imperativ, der der Musik von BST zu Grunde
liegt: sich nicht mit anderen zu verwechseln. Und wenn man heute
in Terroristen-Modestrecken herumblättert, Terroristen-Romane
zur Hand nimmt oder Terroristen-Pop hört, könnte man glatt zu
dem Eindruck kommen, genau dies sei das Schicksal des RAF-Gespenstes:
Selbst bis ans Ende aller Tage verwechselt zu werden. Mit dem
Antichristen, dem Erlöser, dem Sex-Symbol, dem Erben der 68er-Revolte.
Vielleicht irgendwann einmal sogar mit einem Nationalhelden. Die
Hauptstraße von Harlem heißt schließlich auch Malcolm X Boulevard
und der wichtigste deutsche Literaturpreis nach Georg Büchner.
Das wird BST nicht passieren. What you hear is what you get. Ein
Klavier, ein Schlagzeug, darüber sperrige Soundcluster. Und eine
Stimme, die nach dem letzten Stück lacht und sagt: 'Not so bad'."
(Tobias Rapp, die tageszeitung) "German players Walter Berger, Christian Schaeffer and Klaus Theweleit
brew up a thick aural porridge with their grinding, scraping and
pounding, and achieve the Blue Cheer effect of quickly clogging
up the listening space until the listener suffocates. They do
it with stringed instruments, woodwinds, percussion and piano.
The heavily rosined cello strings generate enough vibrating harmonics
to make even Tony Conrad choke on his knish. BST stress their
affinities with American jazz musicians, paying their respects
to Ayler, Miles Davis, Don Cherry, and Sun Ra. Well, if we're
talking stringed instrument free players of genius, you might
prefer Alan Silva, Leroy Jenkins, or Ornette Coleman on the violin.
BST may not possess one iota of the lightness of touch, the grace,
the speed, or the freedom of the musicians they namecheck so promiscuously,
but they do have an endearing earthy punk jazz simplicity. In
fairness, the BST project is not to emulate free jazz - it is
deconstruction, 'a demolition of musical plans'. They admit their
music can be a painful listening experience. Their formless blasts
certainly habe feral energy and gusto, like a garage group playing
Heavy Metal. Indeed, many of these in yer face recordings quickly
transcend their beginnings; acoustic Improv mutates into a Motorhead
live LP. Sleeve art alludes to the German Expressionist painters
Ernst Ludwig Kirchner und Emil Nolde, whose oil paintings were
naive and clumsy, but painfully honest; this music aapires to
the same directness of that movement, even if they players are
sometimes blocked by their own gleeful, noisy ineptness, like
painters swamped in impasto." (The Wire, London) "Viosilence ist kein Free Jazz, sondern Klangkombinatorik der rabiatesten
Sorte. Echter Herzbrecher!" (Auf Abwegen) "Es ist nicht so, dass irgendeine Ordnung mit schroffer Geste
destruiert werden müsste. Das liegt vor allem daran, dass sich
in den Sound-Feldern von BST erst gar keine erkennbaren, in sich
hierarchisierten Ordnungsmuster verfestigen. 'Strukturen entstehen
immer', sagt Theweleit. Nur werden sie bei BST nicht gehärtet
und fixiert. Sie verschwinden mit ihrem Entstehen, sie lösen sich
in ihrer Entwicklung auf. Wobei das auf denkbar hohem Energie-Niveau
abläuft. Man muss diese Musik sehr laut hören! Und Noise ist gar
kein Ausdruck für das, was dabei entsteht..." (Peter Laudenbach,
Tagesspiegel Berlin) "Super-sonisch" (Thomas Meinecke, DIE ZEIT) "Musik hat auf Klaus Theweleits Schreibpraxis einen gewichtigen
Einfluss. Musik-Exegese und Gesellschaftskritik sind für ihn eng
verknüpft, das Klacken der Tastatur ist ihm ebenso Musik wie Klang
gewordene Sprache. Theweleit hat den Anspruch, musikalisch zu
schreiben. Dass er nicht nur das 'Wörterkeyboard' beherrscht,
demonstriert Klaus Theweleit mit seiner Free-Jazz-Band BST." (20.21
Galerie) "Theweleit steigt mit einigen Freiburger Companeros in den Keller,
um Black Music zu improvisieren, mit eigentümlich zeitenthobenen
Resultaten, aber - nun mal ehrlich, ihr KulturwissenschaftlerInnen!
- wer kann schon behaupten, sein Professor, seine Professorin
betreibe im Keller Free Jazz?" (Ulrich Kriest, Intro)
BST: VIOSILENCE
"Musik?" Die Verfertigung der Klänge beim Spielen, wie MC Kleist
gesagt hat. Die Farben nicht auf der Palette mischen, sondern
auf der Leinwand. Vorgemischt sind sie allerdings: Cello, Gitarre,
Geige, elektrisch verstärkt, aber nie gestimmt bei uns, keine
Tonarten, keine Melodien, keine Harmonien - keine Absprachen,
aber Routinen und Rituale. Die Hände: Teile der Instrumente, auf
der Suche nach dem, was sonst eher nicht aus ihnen klingt.
Zu hören, wie gespielt, keine Dubs, keine Musikmaschinen, No Electronics,
keine Nachmischung; altes Musikerhandwerk, simply amplified. Handwerk,
Stückwerk, Machwerk; nicht unbedingt Bauwerk, vielmehr "Abriß
der Musik", "Aufriß der Hörpläne"...
Strings gespannt zwischen Violence and Silence; mit viel Kollophonium
an den Fühlern...VIOSILENCE...ganz schönes Wort...so get it, Gangsta
Ear...
Musik: Walter Berger / Christian Schaeffer / Klaus Theweleit
1) Guignols Band 5:31
2) Alienoise 14:15
3) Tear Mail 10:08
4) Child runs the Voodoo down 3:28
5) Soul Readymade #7 4:54
6) Best off 2:02
7) Panzerknacker Potemkin 5:07
8) Not so bad 0:19
VIOSILENCE
Audio-CD, 50 Minuten
ISBN 3-932513-24-X
EUR 16,80