Hubert Fichte / Lil Picard Lil Picard, geboren am 4. Oktober 1899 in Landau in der Pfalz.
Malerin, Bildhauerin, Kunstkritikerin, Fotografin, Performance-
und Happening-Künstlerin. Im Interview mit Hubert Fichte erzählt
Lil Picard, die "große Pop-Mutter", "Muse der amerikanischen Avantgarde",
"Großmutter der Hippies" und "Gertrude Stein der New Yorker Kunstszene",
ihre Lebensgeschichte - von detaillierten Beschreibungen ihrer
alltäglichen Rituale, über die Entwicklung ihrer eigenen künstlerischen
Arbeit bis zu ihrer Freundschaft und Zusammenarbeit mit Andy Warhol. Stimmen der Kritik: "Nicht nur durch seine Romane, Reisen und Ritenkunde besticht
Hubert Fichte bis heute. In Gesprächen und Interviews erweist
sich seine genaue und sensible Art des Fragens. Damit hat er die
Kiezbelegschaft auf St. Pauli wie Politiker oder Künstler zur
Sprache gebracht. In NY, der schwarzen Stadt, für Fichte ein Rom
der Neuzeit, hat er die pfälzische Emigrantin Lil Picard getroffen.
Bei supposé sind die Gespräche mit der flippigen Kunstkennerin
nun nachzuhören. Das avancierte Label für Sprache und Musik, das
auch Fichtes Interviews aus dem Palais d'Amour und seine Hörstücke
zugänglich gemacht hat, beweist sich ein weiteres Mal für intellektuelle
Höhen- und Langstreckenflüge." (Petra Nachbaur, Echo - Tirols
erste Nachrichtenillustrierte) "Der Kölner supposé-Verlag, dem wir bereits drei wunderbare CD-Editionen
mit O-Tönen Fichtes verdanken (unter anderem die Originalbänder
der St. Pauli Interviews), hat aus den - nur in Ausschnitten erhaltenen
- Aufnahmen Fichtes mit der Popartistin Lil Picard eine liebevoll
gestaltete CD gemacht, auf der man nicht nur das Auf und Ab des
elektrischen Betts hört, das bei ihren Performances eine zentrale
Rolle spielte, sondern auch die präzisen Beschreibungen alltäglicher
Rituale (unterbrochen durch Fichtes Erkundigungen nach Verdauungsstörungen),
früher Kindheitserlebnisse und später Erfahrungen in New York."
(Jan-Frederik Bandel, Frankfurter Rundschau) "Eine schräge Person, diese Lil Picard, die 'pollution poems'
schrieb, um die Umwelt mit ihren Gedichten zu verschmutzen, und
eine enge Vertraute von Andy Warhol war. Die damals 76-jährige
hatte Hubert Fichte viel zu erzählen: Über ihren Alltag, die Vorteile
von Yoga-Übungen in der Badewanne, die grauenvolle amerikanische
Marmelade ebenso wie über erste Lektüren und Lieben. Es ist ein
interessantes Tondokument, das supposé da ausgegraben hat. Mark
Rothko ist nur einer von vielen Künstlerkollegen, über die Picard
spricht. Sie sei immer sehr 'publicity-minded' gewesen, stets
erpicht, in die Zeitung zu kommen. Nun ist Lil Picard auch auf
CD vorhanden." (Knut Cordsen, Bayern 2 Radio, 15:05 Hörbuch-Magazin) "Der manische, archäologisch vorsichtige Kulturenbeobachter Fichte
führte viele Interviews, nach den Nachtfaltern von St. Pauli auch
Mitte der 70er in New York mit der Künstlerin Lil Picard. Ihn
faszinierte, wie die damals schon 76-jährige ihren Alltag bestritt.
Dazu befragt er die in Landau geborene 'große Pop-Mutter' behutsam
und sanft und soft, und sie plaudert über Yoga, Marmelade und
ihren Schlafrhythmus. Ein Happening." (Matthias Penzel, Rolling
Stone) "Wie andere Tonband-Mitschnitte des großen Hamburger Autors -
die St. Pauli Interviews - enthüllt auch das Gespräch mit Lil Picard eine Interviewtechnik,
die ihresgleichen sucht. Kurze, präzise Fragen, eine in der Stille
hörbare Konzentration und Ruhe, in der aus der Geschichte eines
Lebens nichts als unwesentlich ausgegrenzt wird. Alltag als Kunst.
Pop-Art. Großartig." (Der Standard, Wien) "Es ist das Verdienst von Hubert Fichte, dass seine Gesprächspartnerin
nicht nur über ihr bewegtes Leben in der Kunst erzählt, sondern
auch immer wieder einmal vom Kopf auf die Füße gestellt wird.
Die akustisch belegten Bekundungen aus dem täglichen Leben der
Künstlerin, die ab 1937 in New York wichtiger Bestandteil der
Kunstszene war, holen die Kunst und die Künstler vom Sockel. Lil
Picard erzählt äußerst wach und dem Zeitgeschehen folgend über
ihre Jahre im Big Appel, die stark von öffentlicher Gewalt und
Überfällen gefährlicher Gangs geprägt waren." (Klaus Hübner, Jazzthetik) "Hubert Fichte und Lil Picard: Sie kannten sich, waren per Du,
als Mitte der siebziger Jahre in der 40 East/Ninth Street in New
York ein Tonbandgerät ihre Gespräche aufzeichnete. Das Interview
beginnt wie zufällig: Lil Picard am Telefon. Im Hintergrund Verkehrsgeräusche.
Sie dringen in die kleine Wohnung auf der Upper East Side und
mischen sich als New Yorker Alltag in den Plauderton der alten
Dame, deren Deutsch mit vielen Amerikanismen durchsetzt ist. Auch
im weiteren Verlauf erfüllt diese Aufzeichnung keine der Voraussetzungen
eines klassischen Rundfunkinterviews mit ausgeblendeten Hintergrundgeräuschen
und Straffungen, wie man sie nachträglich im Studio am Schneidetisch
vornahm, um sie von allen Redundanzen der Umgangssprache zu befreien.
Hubert Fichte strebte das Gegenteil an. Typisch für seinen Interviewstil
war das Authentische. Er gab der 'Parole' den Vorzug vor der verkürzten
prägnanten Schriftsprache. Das aus sechs Einzelteilen bestehende
Interview ist ein Hörbild, voller Atmosphäre, lebendig und bei
allem Ernst nicht ohne Situationskomik. Die Stimmen gehören zu
einem Raum, der akustisch mit in Erscheinung tritt. Während Lil
Picard erzählt, geht sie Tätigkeiten nach, führt etwa ihr elektrisch
verstellbares Bett vor, dessen laut surrender Motor die Stimmen
übertönt. Ein 'Kunstwerkbett', erklärt sie, damit habe sie diverse
Happenings aufgeführt. Gegenstände fallen zu Boden. Sie hustet.
Das Tonband zeichnet alles auf. Hubert Fichte lenkt Lil Picards
Schilderungen mit seinen suggestiven und vertraulichen Fragen
- Fragen zum manipulierten Kunstmarkt, der New York um 1960 zur
Kunstmetropole machte, zu Lil Picards eigener Vergangenheit, ihrer
Kindheit in der Pfalz, Jugend in Straßburg und zu ihrer künstlerischen
Laufbahn - und immer wieder Fragen zu Andy Warhol. Mit dieser
Aufnahme sind wir in ihrem privaten Ambiente, dem bescheidenen
kleinen Domizil, das sie, eine alt gewordene Emigrantin, mit ihrem
Mann teilte, wo sie mit Bienenfleiß schrieb und sich ihre künstlerischen
Aktionen ausdachte." (Barbara Catoir, FAZ)

Originalaufnahmen New York 1975/76
Herausgegeben von Klaus Sander
Audio-CD, 80 Minuten
ISBN 3-932513-42-8
EUR 18,00
"Lil Picard ist in Deutschland durch Berichte bekannt, die sie
über das New Yorker Kunstleben schreibt. Ihre Publikationen zeichnen
sich durch Verständlichkeit, Präzision und Sensibilität aus, sie
zählen zum Besten, was in deutscher Sprache über moderne Kunst
veröffentlicht wird... Frau Picard kennt noch das Berlin der abklingenden
zwanziger Jahre. Meidner, Grosz, Mehring, Schwitters und die Lasker-Schüler
standen ihren ersten schriftstellerischen Versuchen zur Seite.
1935 verlässt sie Deutschland. In Amerika - losgerissen von den
vertrauten Bindungen, der Sprache kaum mächtig - versucht sie,
ihre Erlebnisse und Empfindungen im Bild auszudrücken... Vor einigen
Jahren begannen in England Maler Pin-up-Girls, Muskelmänner, Plastikwannen
und dergleichen abzubilden oder teilweise in ihre Bilder einzukleben.
Sie wollten unsere aktuelle Umwelt darstellen, wollten volkstümliche
Kunst schaffen, kurz Pop Art genannt. Die neue Richtung sprang
nach Amerika über, und die Pop Artists - über die Lil Picard so
anschaulich zu berichten weiß - erklärten sie selbst zu einer
Pop Artist, während Lil Picard doch schon viel eher derlei versuchte,
als ihr keine andere Möglichkeit zur Verständigung blieb..." (Hubert
Fichte, 1963)