Hubert Fichte
Beat und Prosa
Live im Star-Club, Hamburg 1966

Musik: Ian & The Zodiacs, Ferre Grignard
Herausgegeben von Klaus Sander
Produktion: supposé 2004

Audio-CD, 50 Minuten
ISBN 3-932513-41-X
EUR 18,00

BESTELLUNG

Am 2. Oktober 1966 liest der Schriftsteller Hubert Fichte im Star-Club von St. Pauli im Wechsel mit Beat-Gruppen Auszüge aus seinem, im Entstehen befindlichen Romanmanuskript Die Palette.

"Das Experiment dieser Texte mit heißer Beat-Musik war eigentlich keines: genau der hämmernde, unerbittliche, gelegentlich weiche, gelegentlich rasend harte Rhythmus dieser Musik ist die spontane Artikulation dessen, was in Fichtes Prosa bedacht, nein analysiert wird. Der sensationelle Erfolg dieser literarischen Lesung auf Hamburgs Reeperbahn, an der Entstehungsstätte der Beatles, hängt mit diesem mühelosen Synchron zweier Medien zusammen." (Fritz J. Raddatz)

"Hier, im 'heiligen Sanktus-Paulus-Village', erschlug der Beat die Prosa nicht; beide koexistierten, mehr: sie machten gemeinsame Sache, sie dementierten das angebliche Schisma zwischen der Sub-, der Pop-Kultur, die ihre Kleidung und Sprache und Umgangsformen hat, und der seriösen, der höheren, der dunkel gekleideten 'eigentlichen' Kultur. Dichterlesungen ist sonst oft ein Element der Verlegenheit eigen, herrührend aus der Anstrengung, die es kostet, sich zu einer feierlichen Kulturtat aufzuschwingen... Hier, im 'Star-Club', wurde eine andere Form ausprobiert, und sie funktionierte: Die Diskrepanz schien fast ausgelöscht. Der Dichter fand zwanglos ein neues Publikum." (Dieter E. Zimmer, Die Zeit, 7.10.1966)

"Ich möchte auch mal die fünf Beatles sein:
- Hier ist mein Sound. Ich steh vor euch. Das mach ich.
Zweitausend Menschen. Auf St. Pauli, die nie sonst ein Buch in die Hand nehmen." (Hubert Fichte, Die Palette)

Stimmen der Kritik:

"Wir befinden uns auf der ersten popliterarischen Veranstaltung Deutschlands: Es muß ein legendärer Abend gewesen sein... Eine wunderbare Ausgrabung!" (Knut Cordsen, Bayern 2 Radio)

"Hubert Fichte ist nicht nur schreibend ganz tief in die Verhältnisse eingestiegen, in denen junge Gesellschaftsflüchtlinge, Obdachlose, Homosexuelle, Gammler und andere nicht der Norm entsprechende Menschen lebten. Fichte beobachtete an Ort und Stelle bis in die kleinsten Einzelheiten, notierte Gefühlsäußerungen, notierte Körpersprache. Er schmettert die Sätze heraus, schleudert sie dem Publikum entgegen und hält die Wörter doch umklammert bis zum nächsten Satz. Erst dann verlassen sie den Einflussbereich des Autors, dringen ein in das offene Bewusstsein des Publikums, das vielleicht nur höflich zuhört, von dem Vorgelesenen dennoch eingefangen wird... Mit der Mischung aus Lesezirkel und Tanzveranstaltung traf Hubert Fichte den Nerv vieler junger Menschen, die vom Bildungsbürgertumgetue und hochgeistiger, in ihren Ohren aber langweiliger Literatur genug hatten. Mit Fichte sagten sie der nach hinten blickenden Nachkriegsliteratur älterer Autoren Ade und Bühne frei für die Probleme der gegenwärtigen Zeit..." (Klaus Hübner, Jazzthetik)

"Wenn man sich heute an Hubert Fichte erinnert, denkt man an den auf der Beatles-Bühne gefeierten Popliteraten. Insofern ist diese CD eine Aufklärungstat. In schöner, aber nüchterner Aufmachung kommt sie daher, ohne jede aktualisierende Anbiederung, als Dokument. Ob hier mit Schlagwörtern wie "Pop-" oder "Beatautor" etwas zu holen ist, mag der Hörer selbst entscheiden. Etwas anderes aber wird auf jeden Fall hörbar: Die akustische Dimension von Fichtes Literatur, der rhythmische Drive ihrer Aufzählungen, Wiederholungen, Beschleunigungen, Verzögerungen. Das Publikum reagiert so lautstark wie begeistert auf Fichtes hochartistische, den wild wuchernden Subkulturjargon der Palettianer gleichwohl mühelos integrierende Sprache: "Stoff aus Wörtern", heißt es im Buch, "der Stoff ist mein Kiff". Das erschließt sich bei der Lesung viel schneller als auf dem Papier - und auch Fichte selbst klingt nicht wenig erfreut, er steigert sich in seiner kraftvollen Präsentation von Textblock zu Textblock. Diese Aufnahme zu hören ist nicht nur ein Vergnügen, es erleichtert auch den Zugang zu Fichtes späteren Romanen und ethnographischen Arbeiten, gerade zu den im Druckbild oft sperrig oder gar bloß spleenig scheinenden Listen, Schnitten, Wortkaskaden." (Jan-Frederik Bandel, konkret)

"Welch eine Entdeckung! Weiß der Himmel, wo supposé das alte Tonband ausgegraben hat. Fichte liest, Ian & the Zodiacs und Ferre Grignard machen Musik - man meint, es wäre gestern abend in der Kneipe um die Ecke gewesen..." (Dirk Ruder, Junge Welt)

"Daß die Subkultur zu Zeiten der Palette noch wirklich 'underground' und ebenso neugierig wie selbstbewußt war, läßt sich bei Fichtes Rezitation im Star-Club gut raushören. An den Publikumsreaktionen wird das damalige Gegenkultur-Selbstverständnis deutlich, etwa, wenn bei Fichtes Wortschöpfung 'Senatscowboy‘ (für Polizist) das ganze Auditorium in lautes Grölen ausbricht. Die Zugehörigkeit zum exklusiven Kreis der Hipster, Nachteulen, Prolls und Halbseidenen wurde aber nicht nur mit Erfahrungsgewinn gegenüber den Spießern 'da draußen‘ belohnt. Auch Risiken wie Drogensucht und gesellschaftliche Ablehnung waren damit verbunden - was Fichte mit seinen Geschichten über Impotenz durch Heroinsucht, Schwulen-Außenseiter oder die Aporien der Anti-Atom-Ostermarschierer betont ..." (Olaf Karnik, Intro)

"Der Auftritt markiert die Geburtsstunde der Lesung als popkulturelles Phänomen." (Nils Kahlefendt, börsenblatt)

"Ein außergewöhnliches Dokument." (Harald Fette, Buchhändler heute)

"Gehört in jedes Bücherregal mit Gibson und Co., neben dem gleichberechtigt eine Plattensammlung steht. Daher wäre es schön, würde sie eher als ein Stück Gegenwart erkannt, denn als etwas Vergangenes ... Man bekommt den Eindruck, die heutige Realität habe in den 60er Jahren begonnen." (Wolfgang Frömberg, SPEX)

"Spannend! Denn ob Hubert Fichtes Beat und Prosa-Lesung nun tatsächlich die erste popliterarische Veranstaltung in Deutschland war oder mit Pop eben rein gar nichts zu tun hatte, darüber kann man nun auch als Nachgeborener mit denen streiten, die damals dabei gewesen und sich heute noch immer nicht einig sind." (Gustav Mechlenburg, die tageszeitung)

"Eine solche literarische Performance dürfte es bis zum 02. Oktober 1966 in Deutschland noch nicht gegeben haben: Und das macht dieses Hörbuch zu einem einzigartigen Dokument der 60er Jahre, als sich die Gegenkultur aus der spießigen Welt der Adenauer-Republik herausschälte... Die Lesungen der Gruppe 47 machten sich dagegen wie spießige Gymnasiasten-Seancen aus." (Ingo Zander, WDR 5, Service Buch)

"Nachdem seine zu Lebzeiten erschienenen Bücher längere Zeit vergriffen waren, scheint Fichte seit der CD-Veröffentlichung seiner legendären Starclub-Lesung tatsächlich so etwas wie ein Comeback als Underground-Poet und "Pop-Artist der Armen" zu erleben." (Männerschwarm)

"Fichte respektiert seine Figuren - auch als politische Wesen. Von Leuten, die so sind wie die Zuhörer trägt er vor. Von Hamburger Senats-Cowboys in Polizeiuniform, vom Ostermarsch und auch von der Homophobie in der Linken: "Wenn sie Erfolg hätten mit der traditionellen Klampfenwanderung, ihrer Gewaltlosigkeit, ihrer haschischverstärkten Atomgegnermarschiererei und wenn die Erde frei wäre von taktischen oder sonstigen Atomwaffen, dann würden die Tunten immer noch ausgelacht, wenn sie beim Regen im Gebüsch stehen am Dammtorbahnhof und sich gegenseitig die Uhren aufziehen." Na, das hat gesessen." (Dirk Ruder, Gigi - Zeitschrift für sexuelle Emanzipation)

"Diese Lesung gilt als Geburtsstunde der Popliteratur." (Otfried Käppeler, Südwest Presse)

"Fichte unterscheidet nicht zwischen Alltag und Kunst, zwischen "Hoch"- und "Subkultur", er holt Banales, Szenesprache hinein in die Literatur. Wie neu, wie frisch das anno 1966 noch angesichts solcher Autoren wie Böll, Grass, Lenz geklungen haben mag, hört man schon alleine, wenn das Publikum vor Lachen tobt nach Sätzen wie: "Wörter für Polizist: Senatscowboy, Blauer, Bulle, Polyp." Heute, da sich Popliteratur zuletzt in Affirmation und Neokonservativismus aufrieb, klingt das, was Fichte bei deren Geburtsstunde machte, zudem ungeheuer subversiv." (Frank Schuster, Testcard)

"Akustische Post aus dem Jahr 1966: Hubert Fichte blickte mit so klarem wie humorvollem Auge; er (ver-)dichtete und schrieb mit einer unbändigen und zugleich hoch kontrollierten Sprachlust; er war ein Wortfeldakrobat - und bei der Lesung im Star-Club wäre ich verdammt gern dabei gewesen, denn vortragen konnte der Mann, dass es eine Wonne ist ihm zuzuhören. Was supposé (man kann diesen Kölner Verlag und sein wunderbares Programm nicht oft genug loben) möglich macht; die haben den Mitschnitt veröffentlicht. Wortkunst und Lautkunst, im Zusammenspiel mit der tollen Garagenbeatmusik von Ian & the Zodiacs: Das ist psychedelisch, sinnlich, intellektuell und, 'No money, no honey, no money, no love', zeitvoll und zeitlos zugleich: klasse." (Gitta List, Schnüss - Das Bonner Stadtmagazin)

"Ein Fundament so genannter Popliteratur" (Thomas Meinecke, DIE ZEIT)