Audiophilosophie: Stimme und Musik Klaus Sander Jan St. Werner K

Freitag, 26. Oktober 2001, 21 Uhr
Frankfurt am Main, Evangelische Stadtakademie Frankfurt
"NachtKlub" im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Stimme"
Voice Recordings: Feldaufnahmen, Sprachtonträger, Künstlerschallplatten
Experimentelle Elektronische Rhythmische Musik
Audiophilosophie meint natürlich nicht auf Tonträger gespeicherte
ab- oder vorgelesene Texte philosophischen Inhalts. Weder ist
sie Philosophie zum Hören, noch Hör-Buch. Sondern der Versuch,
Audio als eigenständige künstlerische und publizistische Form
anzusehen und auszuprobieren. Dies steht nicht etwa in Konkurrenz
zur Schrift, zum Buch oder zu anderen Medien, sondern in gegenseitig
befruchtender Wechselwirkung und Erweiterung. Initialisierend
war dabei die Beobachtung und Erfahrung, daß es Denker gab und
gibt, die erst im Mündlichen, im Dialog oder auf der Bühne, ihr
Vermögen voll ausspielen, deren Stimme sich mühelos und eigenmächtig
behauptet gegen das Geschriebene, ja diesem oftmals vorangeht.
Greifbar bleiben in vielen Fällen aber lediglich Texte; Transkriptionen;
Verschriftlichungen von Vorträgen oder Gesprächen. Die Speicherung
des gesprochenen Wortes aber ermöglicht eine andere Vermittlung,
einen anderen Zugang...
J
In dem Moment, wo ich etwas aufnehme, also übertrage auf einen
Datenträger, kann ich es immer wieder abrufen und damit eine Wiederholbarkeit
und Untersuchbarkeit herstellen,die es direkt zu etwas anderem
macht als es ursprünglich war, und ich kann es jetzt immer wieder
betrachten und analysieren, wie das bei uns, beim Musikmachen
auch der Fall ist. Die Musik, so wie wir sie machen, ist für mich
nur deshalb interessant, weil ich sie aufzeichnen kann. Mir geht
es ja nicht darum, die Flöte besonders kunstvoll zu spielen, und
selbst wenn ich es könnte, läge der Reiz für mich nur darin, daß
ich sie aufzeichnen kann, daß ich sie immer wieder betrachten
kann, immer wieder auch anders betrachten kann, bis mir bestimmte
Aspekte auffallen, mit denen ich weiterarbeiten will, daß ich
sie zerlege und neu zusammenkonstruiere, daß ich sie mit anderem
in Verbindung bringe, daß ich sie an bestimmten Stellen breche
und neue Elemente ins Spiel bringe, daß ich Vernetzungen und Vielschichtigkeiten
herstellen kann mit etwas, das eigentlich mal gedacht war als
etwas, das man einfach spielt und das war's... Die Frage nach
dem, was Audio sein kann, was es darstellen kann, was man damit
machen kann, stellt sich, wenn wir statt von Philosophie-Audio
von Audiophilosophie sprechen. Dann müßte man aber Musik ja mit
dazunehmen. Improvisierte Musik, zum Beispiel Free Jazz, gab oder
gibt es nur, wenn die Leute zusammenkommen und sich versammeln
im Raum oder wenn man sie auf Tonträger bannt. Es gibt keine andere
Form der Übertragung: Jedes Konzert ist einmalig, es ist nicht
aufgezeichnet, es gibt keine Noten, keinen Text...
K
Das Verfertigen der Gedanken beim Sprechen, im Rhythmus des Sprechens
und in dessen Geschwindigkeit - es läßt sich hier durchaus eine
Analogie herstellen zur freien improvisierten Musik, sei es im
Jazz oder in der elektronischen Musik, zum Verfertigen der Klänge
beim Spielen - und so könnte man beispielsweise Heinz von Foerster
oder Vilém Flusser auch als Improvisationsdenker bezeichnen. Beide
verfügen über ein gewisses, für sie typisches, erarbeitetes Repertoire,
auf das sie immer wieder zurückgreifen, aber auf der Bühne, im
Moment des Vortrags oder Dialogs, je nach Situation und Gegenüber
bzw. Publikum virtuos arrangieren und variieren. Das große systematische
Werk wird an anderer Stelle und mit anderen Mitteln entwickelt
werden müssen, hier geht es eher um die Suche nach dem gelungenen
Moment, dem Augenblick, dem Geistesblitz. Dabei impliziert das
Improvisieren sowohl in der Musik als auch in der Philosophie
immer ein Engagement des Zuhörers, ein aktives Beteiligtsein.
In diesem Sinne wäre die Audiophilosophie als dialogisches Spiel
zu verstehen, in dem der Sprecher lediglich die Rolle des ersten
Ideengebers, des Initiators einnimmt, der den Stein ins Rollen
bringt. Supposé, que
Angenommen, daß
Etwas wird eröffnet, skizziert,
und wer sich für die Länge eines Vortrags, einer CD, eines Tracks
darauf einläßt, ist eingeladen an dem Spiel teilzunehmen. Das
aufgebaute Schachbrett, das auf seinen Mitspieler wartet
J
Aber Audiophilosophie - jetzt bezogen auf Musik - müßte doch auch
beinhalten: a) Was ist Musik? und b) Was kann man mit Musik beschreiben?
Mich interessiert Musik als Modell, mit dem ich beschreiben kann,
mit dem ich Dinge für mich darstellen kann. Ob ich sie damit auch
erklärt habe, ist nochmal eine andere Sache, aber ich sehe in
Musik eine Entsprechung. Ein Modell, innerhalb dessen ich mich
mit anderen Leuten austauschen kann. Deshalb mache ich auch mit
anderen zusammen Musik. Das ist für mich ein Dialog mit anderen
und den führe ich über Musik. Wieso das funktioniert ist mir ein
Rätsel