Ludwig Klages Der Lebensphilosoph Ludwig Klages (1872-1956) gehört zu den leidenschaftlichsten
und zugleich umstrittensten deutschen Denkern des 20. Jahrhunderts.
Als philosophische Prophetenfigur, als konservativer Revolutionär,
als radikaler Vordenker der ökologischen Bewegung, aber auch als
innovativer Psychologe, welcher der Charakterologie und Ausdruckskunde,
insbesondere der anrüchigen Graphologie, wissenschaftliche Geltung
verschaffte, hat Klages jenseits des akademischen Mainstream ein
Werk von beeindruckender Vielfalt und Spannweite hinterlassen.
Dieses kulminiert in dem epochalen Opus magnum "Der Geist als
Widersacher der Seele". Stimmen der Kritik: "Welch schneidende, harte, barsche, kalte und trotzdem nicht dialektfreie
Stimme... Gratulation zu dieser Produktion!" (Ulrich Holbein) "Die Stimme ist die Überraschung. Gestehen wir es nur, daß sie
zunächst fatal an die Lehrer aus der "Feuerzangenbowle" erinnert,
mit einem wahrhaft unerhörten, elementarisch gerollten "r", mit
einer liebenswürdigen Unkenntnis der englischen Aussprache - Klages,
1872 geboren, kam aus einer Welt, in der das Englische noch nicht
selbstverständliche Weltsprache war -, und so vernehmen wir denn
die Lehre vom Gegensatz zwischen "bösiness" und Seele. Man kann
diese Stimme aber auch ganz anders hören: Dann wirkt sie als Zeichen
einer großen inneren Sammlung des Denkers. Sie ist eigentümlich
artikuliert, melodisch und dabei ganz offensichtlich das Ergebnis
eines bewußten Stilwillens. Es handelt sich hier um zwei Radiovorträge:
Zusammen geben sie einen guten Einblick in die Grundideen von
Klages und die Ergebnisse seiner Forschungen. Diese gingen vom
"Ausdruck aus, um einer Psychologie Paroli bieten zu können,
die sich, um 1900, als Klages seine Theorie zu entwerfen begann,
immer stärker an den naturwissenschaftlichen Methoden orientieren
wollte. Aber auch zur älteren Physiognomik Lavaters wollte Klages
nicht einfach zurückkehren. Die Erforschung des Ausdrucks sollte
sich weniger auf feststehende Merkmale richten und dafür ein dynamisches
Moment gewinnen, indem sie dem Rhythmus der Ausdrucksbewegungen
folgte. Hier war vor allem Charles Darwin sein Vorläufer, der
den Ausdruck der Gemütsbewegungen beim Tier und beim Menschen
als Forschungsthema entdeckt hatte. Für solche vorbewußten, aus
dem vitalen Kern stammenden Ausdrucksgestalten muß Klages ein
großartiges Sensorium gehabt haben; man hat den Beweis dafür in
der vielfältigen Rezeption, die er gefunden hat, und bei der das
überraschende Zeugnis jenes von Sergej Eisenstein darstellt, der
sich in seiner Regiearbeit immer wieder, nicht unkritisch, mit
Klages' Ausdruckskunde beschäftigte. Und natürlich wäre die gesamte
neuere Graphologie undenkbar ohne die Begriffe, die Klages zur
Deutung der Handschrift beisteuerte. Diese waren aber keine Zufallsfunde.
Hinter ihnen stand begründend eine zivilisationskritische Metaphysik,
ja eine heidnische Anschauung vom Wesen des Menschen, deren Formulierung
sein Lebenswerk darstellte. Klages unterschied zwischen dem Bewußtsein,
dem Geist und dem Willen einerseits und der Spontaneität des Lebens
auf der anderen Seite. Wenn Nietzsche in der "priesterlichen Moral"
das Grundproblem entdeckt hatte, so verschärfte Klages diesen
Gedanken zu einer Schuldgeschichte des Christentums, der alle
zerstörerischen Wirkungen der technischen Welt aufgebürdet wurden.
In der konzentriertesten, abgeklärtesten Version kann man diese
Gedanken nun von ihm selbst hören." (Lorenz Jäger, Frankfurter
Allgemeine Zeitung)
Das Problem des Menschen
Originaltonaufnahmen 1949/1952
Herausgegeben von Thomas Knoefel und Richard Reschika
Audio-CD, 45 Minuten
ISBN 3-932513-37-1
EUR 18,-
Seine rigorose Kultur- und Zivilisationskritik kreist um die Gefährdung
des Menschen durch die zersetzende Übermacht des Geistes, das
heißt vor allem des rationalen Zweckdenkens, das sich in lebensfeindlicher
Wissenschaft und Technik, devotem Mammonsdienst, psychischer Selbstverstümmelung
sowie weitreichender Umweltzerstörung äußert.
In den beiden Radioessays "Grundlagen der Charakterkunde" (1949)
sowie "Das Problem des Menschen" (1952), den einzig überlieferten
Originaltonaufnahmen von Klages, kommt der wissenschaftlich argumentierende
Psychologe zu Wort, kommt aber auch jenes Pathos hörbar zum Ausdruck,
das für dessen Persönlichkeit und Denken prägend war: ausgefeilte
Essays, mit denen Klages gegen die mathematisierenden, die Seele
gleichsam austreibenden Tendenzen der akademischen Psychologie
seiner Zeit, zum Beispiel in Form der experimentellen Psychologie,
der Psychoanalyse oder des Behaviorismus, anschrieb. Kurzum, ein
zu Unrecht vergessenes, an originellen und fruchtbaren Denkanstößen
überreiches Kapitel der Psychologiegeschichte.
"Klages erinnert an einen protestantischen Pastor mit dem Temperament
eines Condottiere: herausragend, explosiv, redegewandt und prophetisch,
geheimnisvoll und zugleich hochgebildet. Er ist der am meisten
verwirklichte Mensch, dem ich bisher begegnet bin. Dieser Mann
gleicht einem Magier, seinem Charme kann sich niemand entziehen."
(E.M. Cioran)