Rede der Staatsministerin Christina Weiss zum Kurt-Wolff-Preis
für den supposé-Verlag und der Edition Nautilus, am 26. März 2004
auf der Leipziger Buchmesse im Berliner Zimmer:

Die Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags-
und Literaturszene vergibt den Kurt-Wolff-Preis 2004 an die Verlage
Edition Nautilus, Hamburg
supposé, Köln
am Freitag, den 26. März 2004 um 12.30 Uhr auf der Leipziger Buchmesse,
Messehalle 2 im Berliner Zimmer (Stand E 209)
Grußwort: Dr. Georg Girardet, Beigeordneter für Kultur der Stadt
Leipzig
Laudatio: Dr. Christina Weiss, Beauftragte der Bundesregierung
für Kultur und Medien
Moderation: Manfred Metzner, Vorstandsvorsitzender der Kurt-Wolff-Stiftung
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
heute ist für mich wirklich ein Anlaß zur Freude. Ich darf gleich
dreifach gratulieren, nämlich alter und neuer Avantgarde und zum
dreißigjährigen Bestehen des Nautilus Verlages.
Der supposé-Verlag, so klein und so tapfer, gewinnt den Preis
für besondere Projekte, der Nautilus Verlag, so klein, aber so
konsequent, den Kurt-Wolff-Preis.
Die Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags-
und Literaturszene wurde von einem meiner Vorgänger, Michael Naumann,
im Jahr 2000 gegründet und vergibt seitdem zum vierten Mal den
Kurt-Wolff-Preis für besondere verlegerische Leistungen. Kurt
Wolff, der Schirmherr und Pate des Preises, müßte sich seiner
beiden diesjährigen Kandidaten nicht nur nicht schämen, er wäre
stolz auf sie. Vergessen wir nicht, daß Kurt Wolff ein großer
Ästhet war. Beide Editionen hätten ihm nicht nur inhaltlich, sondern
auch hinsichtlich der typographischen Sorgfalt garantiert gefallen.
Beide Verleger auch. Seine Antwort auf die Frage, wo er seinen
Beruf erlernt habe, war stets: nirgends, die Hauptsache, die man
mitbringen müsse, sei Enthusiasmus, verbunden mit Geschmack. Und
Glück sei natürlich auch unentbehrlich.
Unsere beiden Kandidaten haben heute Glück. Aber das reicht nicht,
für sie nicht und für die anderen erst recht nicht. Die begrüßenswerte
Tatsache, daß mit Hilfe solcher Preise Kleinverlage eine dringend
nötige Aufmunterung bekommen, macht erst deutlich, wie groß die
Misere im deutschen Verlagswesen ist. Engagierte Verlage, die
nicht mit einem großen Publikum rechnen können, haben kaum eine
Chance zu überleben. So schön der Kurt-Wolff- Preis für die glücklichen
Gewinner ist, er bleibt, insgesamt gesehen, ein Tropfen auf den
heißen Stein als Anerkennung vom Staat. Was die Programme kleiner
Verlage betrifft, geht es aber oft um das kulturelle Gedächtnis
des Landes, und eigentlich müßte die Kulturnation selbst sich
die Förderung solcher Verlage zur Aufgabe machen - gewissermaßen
als Geschäftsführer ohne Auftrag. Natürlich wäre es auch schön,
wenn sehr große Verlage, die Millionen scheffeln, sehr kleinen
Verlagen unter die Arme griffen. So was nannte man früher Querfinanzierung,
Mischkalkulation oder was immer. Das sollte auf Konzernebene klar
erkennbare Politik sein. Es scheitert nie daran, daß Geld fehlt.
Es scheitert meist daran, daß die Programmgestaltung der großen
Verlage sich immer mehr darin erschöpft, Bestseller herauszubringen.
In dem großen Gerangel um den Kassenknüller geht der literarische
Aspekt von Literatur mehr und mehr verloren. Aber statt Zukunftsmusik
jetzt Audiophilosophie! Wir sprechen vom supposé-Verlag.
supposé heißt "angenommen daß", ein Name, der Spielraum für Perspektivenwechsel
und Reflexion eröffnet. Er stammt von der ersten Aufnahme mit
Vilém Flusser und blieb ihm gewissermaßen als Devise erhalten.
Brecht hätte gesagt: "In Erwägung dessen" oder wörtlich: "In Erwägung,
daß" das Geschäft mit dem Hörbuch boomt, überlegen wir doch mal,
was man noch mit dem Medium Stimme machen kann, außer einen Schauspieler
vors Mikro zu setzen und ihn Thomas Manns Tod in Venedig lesen
zu lassen. Bei supposé gibt es nur Originalaufnahmen, entweder
historische Aufnahmen oder Aufnahmen mit den Autoren selbst, mit
Cioran, Konrad Bayer, Hubert Fichte; die CDs basieren nicht auf
existierenden Büchern, sondern sind Versuche, eine eigenständige
Publikationsform für Audioaufnahmen zu entwickeln, Sachen an der
Grenze zwischen biographischen Dokumenten, Feature und Einführungen
in bestimmte Wissengebiete durch einen Könner auf dem Gebiet.
Der Gesang der Schlittenhunde, den Oswald Wiener in den Wäldern
Kanadas aufgenommen hat, mag eine gewisse Ausnahme darstellen,
insofern sie nicht historisch und autorenbezogen höchstens im
Sinne eines Kollektivsubjekts ist. Viele dieser Tondokumente sind
jenseits dessen, was sie semantisch transportieren, interessant
- als Zeitkolorit, als Stimmausdruck, per se dadurch, daß sie
alt sind. Lise Meitner, Albert Einstein, Max Planck - akustisch
Überlebende erreichen uns durch Zeitkorridore. Da gibt es natürlich
vor allem die Verlockung der Authentizität. Man hört Leute in
eigener Sache reden und nicht nur als die mehr oder minder geschickten
Reproduzenten schon vorhandener Texte, denen eine nicht authentische
Stimme gegeben wird, die aber die authentische Stimme des Textes
zu sein vorgibt. "Authentisch" ist jedoch noch nicht das eigentliche
Zauberwort. Was weit über Authentizität hinausgeht, ist die erotische
Komponente: die Stimme als Werbungsträger. Damit sind diese Aufnahmen
das Gegenteil von Vermarktung, für die Stimmen eingesetzt werden,
es ist eine Werbung, die noch nichts von Vermarktung weiß. Es
ist die erotische Komponente, die man beim Buch imaginieren muß.
Wir kommen vom Mysterium der sokratischen Rede - Sokrates hatte
ja den absoluten Vorbehalt gegen das Schreiben und ist insofern
der wahre Schutzheilige der mündlichen Rede - zum submarinen Kassiber.
Nautilus, wie die Jules Verne-Leser unter uns wissen, fährt unter
Wasser und hat die ganze Zivilisation in sich. Er fährt allerdings
leider ununterbrochen dem Maelstrom zu. Diejenigen, die uns das
berichten, sind gerade noch vorher ausgestiegen. Unserem Nautilus
hier wünschen wir, daß er nicht wie der Ur-Nautilus des Kapitän
Nemo im Maelstrom versinkt, sondern immer wieder auftauchen und
über Wasser ankommen möge und die Schätze der Zivilisation, die
in seinem Bauen verborgen sind, tatsächlich allen zugänglich macht.
Dazu soll dieser Preis verhelfen. Während der originale Nautilus
mit einer eklektisch universalen Bibliothek bestückt war, ergibt
die des Nautilus Verlags ein gezieltes Bild einer subversiven
Bibliothek, denn hier finden wir die Dokumente, die die Gesellschaft
sich nicht nehmen lassen darf, und während der alte Kapitän mit
dem Odysseusnamen Nemo unbeweibt zur See fuhr, hat unser Kapitän
Lutz Schulenburg, ohne den es diesen Verlag nicht gäbe, eine Muse
zur Seite, Hanna Mittelstädt, und die verhindert offensichtlich,
daß er, anders als sein Namengeber, zum Rächerkapitän wird. Schulenburg
und seine Crew können sich auf das Subversive beschränken. Das
ist Rache genug. Womit ist der Nautilus Verlag bestückt?
Mit "Schneckenbissen der Unvernunft" beispielsweise, aber die
sollen nur als Metapher dafür stehen, wie herz- und geisterfrischend
sich die "Kleine Bücherei für Hand und Kopf" allen möglichen Windungen
und Strömungen öffnet, die wir etwas grob unter der Chiffre Surrealismus
zusammenfassen können. Das wahre Wunder des Nautilus ist natürlich
die in Jahren erarbeitete Franz Jung-Ausgabe. Welcher kleine Verlag
hat schon die Kraft bzw. das Geld, eine richtig große Gesamtausgabe
zu stemmen? Dieser Autor ist sogar bei der Wiederentdeckung des
Expressionismus zu kurz gekommen, wozu er ja auch gar nicht richtig
gehört, eher ist er so etwas wie ein Anarchist der Neuen Sachlichkeit.
Politisch immer bei allen Leuten schlecht angesehen, außer angeblich
in den 60er und frühen 70er Jahren in der DDR. In Wirklichkeit
paßte er nirgends hin, eben wegen seiner anarchischen Tendenzen,
und da haben die Nautilusleute zugegriffen und gesagt: zu uns
paßt er. Er paßt in der Tat gut in deren Mischung von Expressionismus,
Dadaismus, linkem Anarchismus der 20er Jahre. Jung ist der Verfasser
einer Autobiographie mit dem Originaltitel "Der Torpedo-Käfer",
eine der ganz großen Autobiographien, später erschien sie unter
dem Titel "Der Weg nach unten". Dazu kommen viele Erzählungen,
darunter geniale Texte, die z. T. noch gar nicht richtig wahrgenommen
wurden. Er hat am Spartakusaufstand mitgemacht, während des Dritten
Reichs im Untergrund gearbeitet, tagsüber an der Börse gejobbt,
d.h. nachts also den Laden unterminiert, den er tagsüber betreiben
half. Schließlich wanderte er aus und wurde von Pfeilkreuzlern
in Ungarn beinahe umgebracht - ein irres Schicksal und literarisch
eine hochinteressante Figur im Sinne essayistischer und rhythmisierter
Prosa aus dem ersten und zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.
Was ihm wie ein Stigma angehangen hat, waren seine reale politische
Tätigkeit und seine Stellungnahmen, die sich nicht in dem Pathos
des Neuen Menschen erschöpften. Das nennt man Doppelleben. Erst
wenn so ein Doppelleben literarisch erscheint, wird es ein zusammenhängendes
Leben. Diese "Lebensrettungen" gegen den Zeitgeist hat sich der
Verlag zur Aufgabe gemacht und hält diese Aufgabe auch bei den
anderen "Doppelleben" eisern durch - von Durruti über Fritz Mierau,
Erich Mühsam, Leo Malet, Che Guevara, Frantz Fanon, Woody Guthrie,
Billie Holiday bis Inge Viett. Erst in dem Augenblick, wo deren
Lebensgeschichten veröffentlicht werden, läßt sich eine Zeitsignatur
erkennen, verkommen sie nicht zu einer unveröffentlichten Legende.
Das ist die Leistung von Nautilus.
Herzlichen Glückwunsch!