Der Hirnforscher Detlef B. Linke ist ein Ausnahmedenker - nur
selten gelingt, wie hier mit souveränem Gestus, der Brückenschlag
zwischen den Disziplinen: so spannen sich seine Gedanken beweglich
und ungemein unterhaltsam, den ganzen Reichtum der Verbindungen
ausschöpfend, zwischen Neurobiologie und Philosophie, Evolution
und Ethik. Detlef B. Linke (geboren 1945) ist Professor für Klinische Neurophysiologie
und Neurochirurgische Rehabilitation an der Universität Bonn. "In freier Rede verbindet Linke Psychologie, Neurologie und Philosophie
und führt dem Hörer auf diese Weise die Komplexität der Hirnforschung
vor Ohren. Besonders die Frage nach dem Ich treibt ihn um. Was
bezeichnet dieses Personalpronomen? Dient die Haut dem Ich als
Außengrenze? Oder ist Ich alles, was nicht das Andere ist? Schließlich
bezieht Detlef Linke sogar noch die Poetik in seine Überlegungen
mit ein und entdeckt in Hölderlins Rhythmustheorie ein Modell
für die Funktionsweise des Gehirns." (Tobias Lehmkuhl, Berliner
Zeitung) "Bei seinen gedanklichen Streifzügen durch Gehirn und Körper trifft
Detlef B. Linke auf Adorno und Mozart, Leonardo da Vinci und Kant,
und er entdeckt eine geniale Zeit- und Hirntheorie in den poetischen
Kommentaren Hölderlins. Kritisch und differenziert reflektiert
er über die Geschlechterdifferenz, mögliche Zusammenhänge zwischen
Biografie und genetischer Anlage, und über Kreativität." (Dorothea
Breit, WDR 3 Resonanzen) "Sie ist eine Art Vermächtnis, die Audio-CD des kürzlich verstorbenen
Neurowissenschaftlers Detlef B. Linke: Während rund 76 Minuten
vermittelt der zeitlebens vielseitig interessierte Forscher eine
Fülle aktueller und älterer Erkenntnisse rund um das Gehirn. Beginnend
mit der Frage, was wir meinen, wenn wir "ich" sagen, handelt er
Themen wie Sprechmotorik, Geschlechtsunterschiede oder Linkshändigkeit
ab. Er flicht außerdem Fälle aus der Praxis und Vergleiche mit
berühmten Persönlichkeiten mit ein und verknüpft sie mit wissenschaftlichen
Ergebnissen." (Hartwig Hanser, Gehirn & Geist) "Gleich zwei Mal ist supposé im vergangenen Jahr für sein ungewöhnliches
Profil ausgezeichnet worden: mit dem Kurt-Wolff-Preis und dem
vom WDR gestifteten Deutschen Hörbuchpreis. Dabei mag Klaus Sander
eigentlich nicht gern von "Hörbüchern" sprechen. Das klingt ihm
zu sehr nach Zweitverwertung und "Wir lesen vor". Er wünscht sich
eine eigenständige akustische Publikationsform und wirbt um Anerkennung
für Qualitäten, die auf Papier nicht zu haben sind: supposé ist
den Sprechhaltungen, der Sprachmelodie und Spontaneität auf der
Spur. Vom "Eros" der Stimme sprach Kulturstaatsministerin Christina
Weiss in ihrer (Kurt-Wolff-)Laudatio. Es ist das hörbar Spekulative,
das die Zuhörer anspricht. Denken ist sexy, wenn es die Ungewissheit
riskiert, in die einen auch Liebesdinge stürzen. Alles (auch)
eine Frage der Anatomie, wenn es nach Detlef Linke geht: Auf einer
supposé-CD spekulierte der im Februar diesen Jahres verstorbene
Neurologe über eine Anomalie in Hölderlins Gehirn, die die emotionale
Reizbarkeit des Dichters gesteigert haben mag. "Kurz vor seinem Tod und schon dermaßen geschwächt, dass ihm eine
schriftliche Niederlegung seiner Gedanken unmöglich war, hat es
Detlef B. Linke auf sich genommen, sein 'intellektuelles Testament'
in freier Rede zu formulieren und auf Band aufzeichnen zu lassen.
Mögen sich auch manche von Linkes Äußerungen auf eher spekulativer
Ebene bewegen, an der Notwendigkeit, den in ihnen angesprochenen
Problemstellungen mit größtem wissenschaftlichem Ernst nachzugehen,
besteht keinerlei Zweifel. Die beiden von supposé vorgelegten
bewegenden Tondokumente mit Detlef B. Linke stellen ein Vermächtnis
dar, das noch lange in die Zeit hineinwirken wird." (Adelbert
Reif, Universitas)
Die Zeiten des Gehirns
Wenn der Andere auf einen wartet
mit Detlef B. Linke
Konzeption und Regie: Thomas Knoefel, Klaus Sander
Erzähler: Detlef B. Linke
Aufnahme und Schnitt: Anja Theismann
Mastering: Timm Sander, Interface Studios Köln
Produktion: supposé 2004
Audio-CD, 76 MinutenISBN-10: 3-932513-51-7
ISBN-13: 978-3-932513-51-0
EUR 18,00
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Der Rhythmus seines Denkens aber lebt vom Fluss der Mündlichkeit
- auch die Bücher Linkes entstehen aus den Transkriptionen besprochener
Bänder - und von daher zeigt sich die Tonaufnahme als Medium der
Mitteilung in diesem Fall als geradezu ideal. Linke führt uns
durch die Landschaften des Gehirns, in seine "Lichtkammern und
Dunkelräume", durch die Schönheit seiner Architektur und die Tiefen
seiner Pathologien.
Was meinen wir, wenn wir "Ich" sagen? Wo ist das "Ich" zu Hause,
wo finden wir uns wieder in der Welt? Lassen sich "Ich und Körper"
einfangen im gleichen Modell, in der gleichen Wirklichkeit - sind
beide identisch? Und was etwa - mit Blick auf deren Identität
- bedeutet die Trennung Siamesischer Zwillinge, das gewaltsame
Zerlegen in "Ich und Du"? Ist der andere in uns nicht unverzichtbarer
Teil... spiegeln wir uns, entgehen wir uns selbst, ohne der Mimesis,
dem anderen, ohne den Prozessen der Menschwerdung jemals zu entgehen?
Wächst aus diesem Spiegelkabinett des konstitutiven Miteinanders
dann später die Sprache? Ist der rückkopplungsfreie Mundraum,
in welchem Innen und Außen ineinander übergehen, das Spielfeld,
auf dem wir uns in die Welt hinein entwerfen? Wie kommt es zur
Asymmetrie der Hirnhälften und ließen sich aus ihrem Zusammenspiel
Biographien beschreiben oder die Eigenleben der Geschlechter?
Steuert das männliche Testosteron Linkshändigkeit und Kreativität?
Und welches sind die Zeiten des Gehirns, seine Rhythmen, Tempi,
wechselnden Takte; kennen Inhalte ihre je eigenen Zeiten und worin
liegt die Katharsis des Lachens? Haben wir mit Hölderlin als Hirnforscher,
in seiner Poetik ein Modell für eine mögliche Einheit im Hirn?
Sicher scheint nur, dass wir nicht(s) ohne den Anderen sind -
immer in der Hoffnung, dass da noch ein Anderer ist, der auf uns
wartet...
Inhalt:
Was meinen wir, wenn wir "Ich" sagen?
Die Trennbarkeit von Ich und Du
Der Mundraum
Einige Bemerkungen zur Sprechmotorik
Hemisphärenmodell und Geschlechterdifferenz
Eine japanische Zeremonie
Testosteron und Kreativität
Kein Taktgeber im Gehirn
Hölderlin als Hirnforscher
Jenseits von Tod und Leben
Stimmen der Kritik:
Es ist vor allem die Reflexion über die Sprache, ihre klanglichen
Unter- und Nebentöne und ihre gesellschafliche Bedeutung, die
- oft autobiografisch betrachtet - als geheimes Leitmotiv das
heterogene Verlagsprogramm zusammenhält. Detlef Linke, ein Rhetoriker
und mitreißend extemporierender Redner, dessen Artikulation zum
Zeitpunkt der Aufnahme bereits durch eine halbseitige Gesichtslähmung
beeinträchtigt war, gibt dafür das wohl berührendste Beispiel."
(Frank Kaspar, Theater heute)