Arnold Schönberg "Ich mache diesem Unterhaltungsdelirium gegenüber das Recht einer
Minderheit geltend: Man muss auch die notwendigen Dinge verbreiten
können, nicht bloß die überflüssigen... Neue Musik ist niemals
von allem Anfang an schön." Stimmen der Kritik: "O-Töne eines Zwölftöners: Gleich der Anfang der ersten CD, ein
"Test" benannter, 20 Sekunden langer Tonbandschnipsel, dokumentiert
wunderbar beiläufig Schönbergs Denken. Aufgefordert "irgendetwas"
zu sagen, eben als Aufnahmetest, antwortet der Komponist spontan:
"Irgendetwas ist immer viel schwerer als etwas." In sieben Worten
fasst er hier sein Credo zusammen: Gegen Beliebigkeit, als schlechte
Freiheit des Irgendetwas ohne innere Notwendigkeit, hat er zeitlebens
gekämpft. Seine Zwölftonmusik war auch der Versuch, dem Irgendetwas
zu entkkommen und die Musik am Reich der Vernunft teilhaben zu
lassen." (Gerhard Uebele, Jüdische Allgemeine) Hörbuch der Woche (Die Presse, 22. September 2007) "Auf dieser wundervollen, mit ausführlichem Booklet ausgestatteten
Doppel-CD ficht Schönberg wortreich für das Schwierige, den Hörer
Herausfordernde und gibt mit aller Deutlichkeit zu verstehen,
alles andere als leichten Ohrenschmaus liefern zu wollen. Sperrig
ist sie bisweilen, die Schönbergsche Musik, aber beredt ihr Erfinder..."
(Knut Cordsen, Bayern 2 Radio, Fünfzehn-Fünf) Platz 2 der hr2-Hörbuchbestenliste (Oktober 2007) "Wie messerscharf sein Verstand ist, wie angenehm seine altmodische
Höflichkeit und wie einnehmend sein Dialekt, merkt man, sobald
das Tonband in Schönbergs Exilhaus in Brentwood Park zu laufen
beginnt. Dear Miss Silvers bietet einen profunden Einstieg in
Schönbergs professionelle Werkstatt wie auch eine Einführung in
seinen Witz..." (Mirko Weber, DIE ZEIT) "Eine musikhistorische Entdeckung" (Cornelia Niedermeier, Der
Standard) "Dear Miss Silvers ergibt ein akustisches Puzzle, einen intensiven
Eindruck des Komponisten." (Tim Schomacker, konkret) "Schönberg fand offenbar großen Gefallen an seinem koffergroßen
Rekorder, denn er benutzte ihn nicht nur als Diktiergerät, sondern
nahm damit in seinem letzten Lebensjahr auch kleine Geschichten
auf. Seine Stimme klingt schon sehr alt, und ein halbes Jahrhundert
knistert mit, wenn er herzliche Briefe an Freunde diktiert oder
politische Satiren erzählt. Ganz anders hört sich sein Sprechduktus
in den frühen 30er-Jahren an, als er sich in Radiovorträgen mit
seinen Kritikern oder mit den Massenmedien auseinandersetzte.
Schönberg, der mit der Aufführung seiner Werke immer wieder Skandale
auslöste, muss sich als Erforscher atonaler Klangwelten oft einsam
vorgekommen sein. Wenn er sich mitten im Interview ans Klavier
setzt, um seine Gedanken hörbar zu machen, wird die Leidenschaft
spürbar, mit der er versuchte, seine Ideen zu vermitteln. "Trude,
mach keinen Lärm, sonst wirst du aufgenommen", ruft er in wienerisch
gefärbtem Englisch seiner Frau zu, bevor er darüber nachdenkt,
was für ihn Fortschritt in der Musikgeschichte bedeutet. Der unwissenschaftliche,
sinnliche Zugang zu diesem eigenwilligen Denker ist reizvoll.
Es ist eindrücklich und berührend, zu hören, wie sich seine Sprechweise
in den späten Aufnahmen langsam verwischt, ohne die gedankliche
Klarheit zu verlieren. Mit welchem Eifer er seine Mission bis
zum Schluss verfolgte, dokumentiert ein Briefdiktat vom März 1951:
Einige Monate vor seinem Tod ruft er seinem Sohn Georg drängend
durchs Mikrofon zu, wie er die Vorlagen seiner Partituren anzufertigen
habe. Dazwischen fragt er, ohne den Tonfall zu ändern, ob das
Wäschepaket auch angekommen sei, und schließt dann unvermittelt:
"Ich muss heute noch sehr viele Briefe schreiben, also dir und
deiner Frau herzliche Grüße, dein Arnold." (Irene Grüter, die
tageszeitung) "Vielen ist Arnold Schönbergs "atonale" Musik, die er selbst lieber
als "atonikale Musik" bezeichnete, fremd. Und diese Abwehr führt
beim musikliebenden, doch breiten Publikum dazu, dass sie keinen
Bezug zu Arnold Schönberg als Person herstellen. Das ist bedauerlich,
denn Schönberg, der 1874 in Wien geboren wurde, ging zunächst
keineswegs auf den üblichen Wegen eines Künstlers am Ende des
19. Jahrhunderts. Schönberg war Autodidakt, der nach dem frühen
Tod seines Vaters gezwungen war, als Angestellter in einer Bank
den Lebensunterhalt seiner Mutter und der Geschwister zu verdienen.
Die vom supposé-Verlag zusammengestellten Tondokumente bieten
nun die Möglichkeit, sich Arnold Schönberg selbst zu nähern und
verzaubert zu sein, von der Sprache dieses Komponisten, diesem
schnarrend Wienerischen der K.u.K.-Zeit, das sich heute nirgendwo
mehr hören lässt." (DIE WELT)

Dear Miss Silvers
Originaltonaufnahmen 1931-1951
Herausgegeben von Klaus Sander
unter Mitarbeit von Eike Fess und Therese Muxeneder
(Arnold Schönberg Center, Wien)
Box mit 2 Audio-CDs, 156 Minuten
und Booklet, 60 Seiten
ISBN 978-3-932513-74-9
Euro 34,80
Aus diesen harschen Worten Arnold Schönbergs gegen die aufkommenden
Massenmedien spricht gleichermaßen die Gewissheit des Visionärs
wie die Selbstverteidigung des durch zahlreiche Anfeindungen gegen
seine Musik und Person Verletzten. Dennoch kommt er rückblickend
zu einem verblüffenden Resümee seines künstlerischen Lebensweges:
"Bitte halten Sie es nicht für falsche Bescheidenheit, wenn ich
sage: Es mag ein Werk sein, aber der Dank dafür gebührt nicht
mir. Der Dank gebührt meinen Gegnern. Sie waren es, die mir am
meisten geholfen haben."
Nur wenige Originaltonaufnahmen sind von Arnold Schönberg erhalten.
Es macht den besonderen Charme dieser Sammlung aus, dass nicht
nur öffentliche Reden, Radiovorträge, Interviews und sogar ein
Probenmitschnitt Eingang gefunden haben, sondern auch private
Aufnahmen wie Briefdiktate und satirische Geschichten, die er
seinen Kindern erzählte. Möglich war dies, da Schönberg zu seinem
72. Geburtstag von seiner Schülerin Clara Silvers einen "Webster
Wire Recorder" geschenkt bekam, den er vor allem als Diktiergerät
benutzte und von dem noch einige Drahtspulen existieren. So begegnen
wir in "Dear Miss Silvers" einem humorvollen Vater, anteilnehmenden
Freund, überzeugenden Lehrer, einem der letzten Zeugen einer untergegangenen
Epoche und einer der einflussreichsten Künstlerpersönlichkeiten
des 20. Jahrhunderts: dem großen Komponisten Arnold Schönberg.
Komplettiert wird diese einzigartige Ausgabe durch ein 60-seitiges
Booklet, das neben zahlreichen Fotos Erläuterungen und Transkriptionen
zu den einzelnen Aufnahmen sowie deutsche Übersetzungen der englischen
Passagen enthält.
CD1
1 Test 0:20
2 Was aber sage ich? 1:36
3 Meine Bestimmung 1:54
4 Das Recht einer Minderheit 4:10
5 Über die "Variationen für Orchester op. 31" 7:16
6 Museum talk on painting 9:38
7 To the San Francisco roundtable of modern art 15:37
8 Boiling water speech 4:20
9 Tribute to George Gershwin 1:08
10 Probe "Kol Nidre op. 39" 3:41
11 Letter to Clara Silvers 2:06
12 Brief an Georg Schönberg 4:10
13 Brief an Oskar Adler 3:43
14 Brief an Josef Rufer 2:05
15 Patience Napoléon 10:48
16 Afrika 3:22
CD2
1-3 Seminar in Sound 31:29
4-6 My Evolution 47:03