Klaus Theweleit: Musik Geschichte Schreiben Ausgehend von seinen Lieblingsschallplatten und mit Blick auf
den eigenen Produktionsprozeß spricht Klaus Theweleit - in einer
Mischung aus Vortrag, Lesung und DJ-Set - über Musik und deren
Einfluß auf seine Schreibpraxis. "Gibt es ein Schreiben, das so
ist wie Monks Stolpern auf dem Klavier?" Playlist: BST (Berger/Schaeffer/Theweleit) - Alienoise Stimmen der Kritik: "Von einem Konzert der Jazzgruppe Art Ensemble of Chicago wird
berichtet, daß es um elf Uhr nachts anfing - und das um halb fünf
in der Früh der Hausmeister den Strom abstellte, um der Improvisationsorgie
ein Ende zu bereiten. Irgendwann Mitte der 70er Jahre war das,
beim Berliner Jazzfestival. Als Klaus Theweleit, Schriftsteller,
Privatgelehrter (seit kurzem allerdings mit Professur an der Karlsruher
Kunstakademie) und Musiker am 6. Mai im British Council vor ausverkauftem
Haus einen Vortrag mit Musikbeispielen hielt, begann er um halb
neun. Erst nach Mitternacht erklang zum Abschluß Bob Dylans Musik.
Theweleits Themen: die Stille des Art Ensembles, die Zärtlichkeit
Jimi Hendrix', die emanzipatorische Funktion des Jazz im post-faschistischen
Nachkriegsdeutschland und die Schwierigkeit über Musik angemessen
zu schreiben. Einmal mehr verknüpfte der 1942 geborene und seit
über 30 Jahren in Freiburg lebende Theweleit undogmatische Psychoanalyse,
akribische Literatur- und Musikexegese und radikale Gesellschaftskritik
ebenso produktiv wie verschlungen." Wenn die Musik den Ausweis zeigen muss Lester Bangs, Amokläufer des Rockjournalismus, als Kritiker gefeiert
und als Musiker gescheitert, brachte es zu einem grossen Auftritt:
als Guest Star der J. Geils Band 1974 in Detroit, wo er bei der
ersten Zugabe, hinter seiner Schreibmaschine sitzend, im Takt
der Rhythmusgruppe die Tastatur bediente. Resultat auf dem Papier:
VDKHEOQSNCHSHNELXIEN (+&H-SXN+ (E JN?. "In diesem Moment begriff
ich", erinnerte er sich später, "wie vollkommen lächerlich ich
hier oben gewesen war." Die Zugabe hiess "Give It To Me". Das
Klappern auf dem Wörterkeyboard, wie Klaus Theweleit die Tastatur
genannt hat, bleibt eine einsame Tätigkeit. Spielen und Schreiben,
Erleben und Deuten, Star sein und Kritiker sein, aber auch: Musik
und Wort stehen in ungleicher Konkurrenz. Der Schreiber sehnt
sich nach den Klängen zurück, die er in buchstäbliche Ordnung
überführt. Umgekehrt produziert die Tastatur nicht nur Worte über
Musik, sondern das Klacken des Wörterkeyboards ist selbst Musik,
hypnotische, Klang gewordene Sprache. Bangs und Theweleit, so
verschieden ihr Ansatz, stellen denselben Anspruch: Dass sich
das, was sie schreiben, anhört wie Musik. Dieser Sehnsucht, die
mehr einem Dilemma gleicht und deshalb ohne Erfüllung bleibt,
hat Theweleit am Sonntag in Köln seinen Vortrag gewidmet. Er trägt
sein Scheitern schon im Titel: "Gibt es ein Schreiben, das so
ist wie Monks Stolpern auf dem Klavier?"

Sonntag, 6. Mai 2001
Köln, British Council, Kinosaal
Mit Musik von Albert Ayler, The Art Ensemble of Chicago, Sun Ra,
Billie Holiday, Jimi Hendrix, Cecil Taylor, Berger/Schaeffer/Theweleit
und vielen anderen
Eine Veranstaltung des supposé Verlags Köln in Zusammenarbeit
mit der Buchhandlung Bittner und dem Filmclub 813.

"Schallplatten, mehr noch als Bücher, Filme oder Gemälde, haben
sich als besondere Geschichtsspeicher herausgestellt. Auf manchen
Mingus-Platten, bei Coltrane oder Billie Holiday, in Sun Ra's
Heliocentric Worlds, in einigen Klavierkonzerten Mozarts, in vielen Rockstücken,
auf Dylan-Platten, auf vielen andern, sind bestimmte Gefühle,
die ich beim Hören hatte, derart genau gespeichert, daß ich nicht
zufrieden bin, das einfach 'Erinnerung' zu nennen. Auch nicht
ein Hilfsmittel zur Wiederbelebung. Die Platten haben etwas aufgezeichnet,
während sie liefen; nicht nur etwas abgespielt. Zwischen Platte
/ Tonarm / Lautsprecher und aufnehmendem Ohr / Gefühlsstrom scheint
sich eine Aufnahmeapparatur gebildet zu haben zur Speicherung
genau dieser Gefühlsströme. Sie arbeitet sehr exakt: als klare
Wahrnehmung eigener momentaner Andersartigkeit (nicht nur als
'das mag ich jetzt nicht hören'), sondern als Differenz zu den
dort gespeicherten Gefühlen, die sich klar in Worte fassen läßt,
z.B.: die Art der Sexualität, die gespeichert ist auf Highway 61 Revisited ist im Moment bzw. überhaupt nicht mehr meine - ich höre genau,
wie sie war; die Wünsche, die sie einschloß samt dazugehöriger
'Begründungen'. Auch das wird vom Aufzeichnungsgerät zwischen
Ohr und Tonarm aufgezeichnet und erscheint in Form eines Wissens,
in Form einer Wahrnehmung der eigenen Körpergeschichte, beim nächsten
Hören mit; auch Jahre später. Die Platte nimmt, wenn eine Verbindung
mit ihr da war, diese auf. Wie geht das?"
(Klaus Theweleit)

Art Ensemble of Chicago - People in Sorrow
Albert Ayler - Ghosts
Sun Ra - The Solar-Myth Approach
Thelonious Monk
Cecil Taylor - Unit Structures
Jimi Hendrix - EXP / Up from the Skies
The Gil Evans Orchestra - Up from the Skies
Bob Dylan - It's alright, Ma (I'm only bleeding)
Nina Simone - Just like Tom Thumb's Blues

(Stadtrevue Köln)
Tages-Anzeiger, Zürich, 09/06/01:
Klaus Theweleit redete in Köln über Musik, Sprache und über das
Schreiben von Musik; also über Himmel und Hölle.
Von Jean-Martin Büttner
Musikkritik als Metaphorik
Das Stolpern der Synkopen als ästhetischer Widerstand, zugleich
als Ausdruck der Schwierigkeit, Musik in Worte zu fassen. So sehr
es stimmt, dass die Musik, wenn über sie geschrieben wird und
sie damit einer Bedeutung zugeführt wird, "immer den Ausweis zeigen
muss", wie Theweleit das nennt, also schreibend diszipliniert
wird, so stimmt zugleich auch, dass dem Schreiben über Musik immer
etwas Stellvertretendes zukommt. Deshalb die Hoffnung, das eine
möge die andere ersetzen, wenn es sie schon nicht umsetzen kann.
"Die Utopie ist", sagt Theweleit im Gespräch, "immer musikalisch
zu schreiben." Nur wird damit noch nicht geklärt, in welcher Sprache
über Musik zu schreiben ist. Oft werde Musik als etwas "Abgeleitetes,
von anderen Bereichen Abhängiges behandelt", sagt Theweleit in
Anlehnung an Lyotard. Das Schreiben über Musik sei sich selber
selten genug gewesen und die konventionelle Musikkritik im Grunde
Metaphorik. Selbst Adorno "musste bei der Psychiatrie ausleihen,
um Stravinsky richtig kaputtschreiben zu können". Andere, die
nicht so viel Intelligenz zu verschenken hätten wie er, benügten
sich mit Naturbildern oder würden die Musik in einer "beurteilenden,
verwerfenden Musiksprache" zurichten. Theweleits eigene Sprache
oszilliert zwischen Traum und Wissenschaft. Seine Prosa bringt
Gedanken und Wünsche zum Swingen, schlauft Samplings aus Literatur
und Geschichte ein, mischt Zwischenrufe der Oral History und Popkultur
dazu. Nur werden hier keine Singles abgespielt, sondern 1200-seitige
Konzeptalben, leitmotivisch strukturiert, das Thema mit ausufernden
Variationen umkreisend, die Sätze abbrechend wie in freier Rede.
Auch sein Kölner Auftritt dauert mehrere Stunden. "Ich will keine
Fernsehspiele aufführen", sagt er dazu, "ich will einen Film erzählen."
Und seinen Soundtrack. Als Alternative zu einer Sprache, die der
Musik nur als Gängelung beikommt, fordert Theweleit die Wahrnehmung
von Musik als körperlicher Erfahrung. Musiker und Musikphysiologen
wiesen immer wieder auf die "materielle Realität der Schallwellen
hin, die verändernd auf menschliche Zellen einwirken, die ja auch
Schwingungen sind". Auch spiele der Plattenspieler nicht nur ab,
sagt er in Ableitung von Derrida, "er nimmt auch auf: ein Aufzeichnungsapparat,
der Gefühle speichert". Auf manchen Mingus-Platten, bei Coltrane
oder Billie Holiday oder Sun Ra, bei vielen Rockstücken, Dylan-Songs
ortet er "bestimmte Gefühle, die ich beim Hören hatte und die
derart genau gespeichert wurden, dass ich sie nicht einfach Erinnerung
nennen kann". Zwischen Platte, Tonarm, Lautsprecher und aufnehmendem
Ohr habe sich eine Aufnahmeapparatur gebildet, "die sich als klare
Wahrnehmung eigener momentaner Andersartigkeit klar in Worte fassen
lässt". Diese Wahrnehmung kehre beim Wiederhören in Form eines
Wissens über die eigene Körpergeschichte wieder. Dieser Prozess
werde auch von Musikern beschrieben, sagt er und verweist dabei
auf Jimi Hendrix. Zu seinem Umgang mit Verstärkern und Verzerrern
habe man ihn sagen hören, dass das der Umgang wäre, den er sich
mit seinem Körper gewünscht habe. Seine Musik wirke "als Kraft,
die den Körper hochhebt und schwingen lässt. Der Jazzsaxophonist
Steve Lacy nannte das Magie. Theweleit nennt es Körperpolitik.
Die Zauberflöter
Für diese Osmose von Klang und Körper hält die Psychoanalyse den
Begriff der Übertragung bereit, und hier, argumentiert Theweleit,
muss das Schreiben über Musik einsetzen: in einer gleichschwebenden
Aufmerksamkeit, die den musikalischen Wellengang zunächst als
körperliche Erfahrung zulässt, bevor sie sie in Worte übersetzt.
Unglücklicherweise war Freud völlig unmusikalisch und hat das
auch immer wieder betont. Er empfand Musik als Lärm, fürchtete
sie als Konkurrenz, jedenfalls hat sie ihn geradezu bedroht. Auch
seine Schüler mochten Musik erst von der Zauberflöte an aufwärts.
Das synkopische Stolpern und Zufrühkommen des Jazz aber, der pulsierende
Viervierteltakt des schwarzen Rhythm'n'Blues weckt regressive
Sehnsüchte, der mit einem Zwang zum Deuten und Einteilen man nicht
gerecht wird. Dass Theweleit diese Schwierigkeit am Jazz demonstriert,
ist kein Zufall, aber auch keine Bedingung. Er hätte auch die
Linie von Elvis bis Neil Young und gewissen Hip-Hop-Sachen ziehen
können, sagt er vor dem Auftritt. In Köln zieht er Jazzmusiker
wie Sun Ra, Albert Ayler oder Cecil Taylor heran, was ironischerweise
mit seinem eigenen Lester-Bangs-Moment zu tun hat. Denn die Veranstaltung
ist zugleich eine Vernissage für das Avantgarde-Trio Berger/Schaeffer/Theweleit
(BST), das nach 35 Jahren freier Improvisation eine erste CD in
der elektrisch verstärkten Besetzung Geige, Cello und E-Gitarre
publiziert. Indem der schreibende Gitarrist sein Publikum gleich
anfangs mit einem besonders heftigen Ausschnitt quält, drückt
er etwas vom Trotz des Schreibenden aus, der die Tastatur mit
dem Griffbrett vertauscht und einmal spielen will, um nicht schreiben
zu müssen. In der Pause dann finden bloss vier Exemplare seiner
Platte einen Abnehmer, während seine Bücher dutzendweise verkauft
werden und auch seine Sprechplatten mehr interessieren. Das mag
ihn vielleicht ernüchtert haben, bestätigt aber seine These des
Schreibens und Musizierens als Konkurrenzverhältnis. Der Schreiber
stolpert nicht wie Musik, er stolpert der Musik hinterher - als
hinkender Bote. Und wer hinkt, tanzt nicht: VDKHEOQSNCHSHNELXIEN
(+&H-SXN+ (E JN?
Berger/Schaeffer/Theweleit (BST): "Viosilence" (Musik-CD); Klaus
Theweleit: "Ekstasen der Zeitenmischung.
Geschichtsdarstellung in der Kunst" sowie "Das RAF-Gespenst" (Sprech-CDs);
alle bei supposé (www.suppose.de);
Vertrieb durch Vice Versa)