Klaus Theweleit: Musik Geschichte Schreiben

Sonntag, 6. Mai 2001
Köln, British Council, Kinosaal

Ausgehend von seinen Lieblingsschallplatten und mit Blick auf den eigenen Produktionsprozeß spricht Klaus Theweleit - in einer Mischung aus Vortrag, Lesung und DJ-Set - über Musik und deren Einfluß auf seine Schreibpraxis. "Gibt es ein Schreiben, das so ist wie Monks Stolpern auf dem Klavier?"
Mit Musik von Albert Ayler, The Art Ensemble of Chicago, Sun Ra, Billie Holiday, Jimi Hendrix, Cecil Taylor, Berger/Schaeffer/Theweleit und vielen anderen…
Eine Veranstaltung des supposé Verlags Köln in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Bittner und dem Filmclub 813.



"Schallplatten, mehr noch als Bücher, Filme oder Gemälde, haben sich als besondere Geschichtsspeicher herausgestellt. Auf manchen Mingus-Platten, bei Coltrane oder Billie Holiday, in Sun Ra's Heliocentric Worlds, in einigen Klavierkonzerten Mozarts, in vielen Rockstücken, auf Dylan-Platten, auf vielen andern, sind bestimmte Gefühle, die ich beim Hören hatte, derart genau gespeichert, daß ich nicht zufrieden bin, das einfach 'Erinnerung' zu nennen. Auch nicht ein Hilfsmittel zur Wiederbelebung. Die Platten haben etwas aufgezeichnet, während sie liefen; nicht nur etwas abgespielt. Zwischen Platte / Tonarm / Lautsprecher und aufnehmendem Ohr / Gefühlsstrom scheint sich eine Aufnahmeapparatur gebildet zu haben zur Speicherung genau dieser Gefühlsströme. Sie arbeitet sehr exakt: als klare Wahrnehmung eigener momentaner Andersartigkeit (nicht nur als 'das mag ich jetzt nicht hören'), sondern als Differenz zu den dort gespeicherten Gefühlen, die sich klar in Worte fassen läßt, z.B.: die Art der Sexualität, die gespeichert ist auf Highway 61 Revisited ist im Moment bzw. überhaupt nicht mehr meine - ich höre genau, wie sie war; die Wünsche, die sie einschloß samt dazugehöriger 'Begründungen'. Auch das wird vom Aufzeichnungsgerät zwischen Ohr und Tonarm aufgezeichnet und erscheint in Form eines Wissens, in Form einer Wahrnehmung der eigenen Körpergeschichte, beim nächsten Hören mit; auch Jahre später. Die Platte nimmt, wenn eine Verbindung mit ihr da war, diese auf. Wie geht das?"
(Klaus Theweleit)

Playlist:

BST (Berger/Schaeffer/Theweleit) - Alienoise
Art Ensemble of Chicago - People in Sorrow
Albert Ayler - Ghosts
Sun Ra - The Solar-Myth Approach
Thelonious Monk
Cecil Taylor - Unit Structures
Jimi Hendrix - EXP / Up from the Skies
The Gil Evans Orchestra - Up from the Skies
Bob Dylan - It's alright, Ma (I'm only bleeding)
Nina Simone - Just like Tom Thumb's Blues

Stimmen der Kritik:

"Von einem Konzert der Jazzgruppe Art Ensemble of Chicago wird berichtet, daß es um elf Uhr nachts anfing - und das um halb fünf in der Früh der Hausmeister den Strom abstellte, um der Improvisationsorgie ein Ende zu bereiten. Irgendwann Mitte der 70er Jahre war das, beim Berliner Jazzfestival. Als Klaus Theweleit, Schriftsteller, Privatgelehrter (seit kurzem allerdings mit Professur an der Karlsruher Kunstakademie) und Musiker am 6. Mai im British Council vor ausverkauftem Haus einen Vortrag mit Musikbeispielen hielt, begann er um halb neun. Erst nach Mitternacht erklang zum Abschluß Bob Dylans Musik. Theweleits Themen: die Stille des Art Ensembles, die Zärtlichkeit Jimi Hendrix', die emanzipatorische Funktion des Jazz im post-faschistischen Nachkriegsdeutschland und die Schwierigkeit über Musik angemessen zu schreiben. Einmal mehr verknüpfte der 1942 geborene und seit über 30 Jahren in Freiburg lebende Theweleit undogmatische Psychoanalyse, akribische Literatur- und Musikexegese und radikale Gesellschaftskritik ebenso produktiv wie verschlungen."
(Stadtrevue Köln)


Tages-Anzeiger, Zürich, 09/06/01:

Wenn die Musik den Ausweis zeigen muss
Klaus Theweleit redete in Köln über Musik, Sprache und über das Schreiben von Musik; also über Himmel und Hölle.

Von Jean-Martin Büttner

Lester Bangs, Amokläufer des Rockjournalismus, als Kritiker gefeiert und als Musiker gescheitert, brachte es zu einem grossen Auftritt: als Guest Star der J. Geils Band 1974 in Detroit, wo er bei der ersten Zugabe, hinter seiner Schreibmaschine sitzend, im Takt der Rhythmusgruppe die Tastatur bediente. Resultat auf dem Papier: VDKHEOQSNCHSHNELXIEN (+&H-SXN+ (E JN?. "In diesem Moment begriff ich", erinnerte er sich später, "wie vollkommen lächerlich ich hier oben gewesen war." Die Zugabe hiess "Give It To Me". Das Klappern auf dem Wörterkeyboard, wie Klaus Theweleit die Tastatur genannt hat, bleibt eine einsame Tätigkeit. Spielen und Schreiben, Erleben und Deuten, Star sein und Kritiker sein, aber auch: Musik und Wort stehen in ungleicher Konkurrenz. Der Schreiber sehnt sich nach den Klängen zurück, die er in buchstäbliche Ordnung überführt. Umgekehrt produziert die Tastatur nicht nur Worte über Musik, sondern das Klacken des Wörterkeyboards ist selbst Musik, hypnotische, Klang gewordene Sprache. Bangs und Theweleit, so verschieden ihr Ansatz, stellen denselben Anspruch: Dass sich das, was sie schreiben, anhört wie Musik. Dieser Sehnsucht, die mehr einem Dilemma gleicht und deshalb ohne Erfüllung bleibt, hat Theweleit am Sonntag in Köln seinen Vortrag gewidmet. Er trägt sein Scheitern schon im Titel: "Gibt es ein Schreiben, das so ist wie Monks Stolpern auf dem Klavier?"

Musikkritik als Metaphorik

Das Stolpern der Synkopen als ästhetischer Widerstand, zugleich als Ausdruck der Schwierigkeit, Musik in Worte zu fassen. So sehr es stimmt, dass die Musik, wenn über sie geschrieben wird und sie damit einer Bedeutung zugeführt wird, "immer den Ausweis zeigen muss", wie Theweleit das nennt, also schreibend diszipliniert wird, so stimmt zugleich auch, dass dem Schreiben über Musik immer etwas Stellvertretendes zukommt. Deshalb die Hoffnung, das eine möge die andere ersetzen, wenn es sie schon nicht umsetzen kann. "Die Utopie ist", sagt Theweleit im Gespräch, "immer musikalisch zu schreiben." Nur wird damit noch nicht geklärt, in welcher Sprache über Musik zu schreiben ist. Oft werde Musik als etwas "Abgeleitetes, von anderen Bereichen Abhängiges behandelt", sagt Theweleit in Anlehnung an Lyotard. Das Schreiben über Musik sei sich selber selten genug gewesen und die konventionelle Musikkritik im Grunde Metaphorik. Selbst Adorno "musste bei der Psychiatrie ausleihen, um Stravinsky richtig kaputtschreiben zu können". Andere, die nicht so viel Intelligenz zu verschenken hätten wie er, benügten sich mit Naturbildern oder würden die Musik in einer "beurteilenden, verwerfenden Musiksprache" zurichten. Theweleits eigene Sprache oszilliert zwischen Traum und Wissenschaft. Seine Prosa bringt Gedanken und Wünsche zum Swingen, schlauft Samplings aus Literatur und Geschichte ein, mischt Zwischenrufe der Oral History und Popkultur dazu. Nur werden hier keine Singles abgespielt, sondern 1200-seitige Konzeptalben, leitmotivisch strukturiert, das Thema mit ausufernden Variationen umkreisend, die Sätze abbrechend wie in freier Rede. Auch sein Kölner Auftritt dauert mehrere Stunden. "Ich will keine Fernsehspiele aufführen", sagt er dazu, "ich will einen Film erzählen." Und seinen Soundtrack. Als Alternative zu einer Sprache, die der Musik nur als Gängelung beikommt, fordert Theweleit die Wahrnehmung von Musik als körperlicher Erfahrung. Musiker und Musikphysiologen wiesen immer wieder auf die "materielle Realität der Schallwellen hin, die verändernd auf menschliche Zellen einwirken, die ja auch Schwingungen sind". Auch spiele der Plattenspieler nicht nur ab, sagt er in Ableitung von Derrida, "er nimmt auch auf: ein Aufzeichnungsapparat, der Gefühle speichert". Auf manchen Mingus-Platten, bei Coltrane oder Billie Holiday oder Sun Ra, bei vielen Rockstücken, Dylan-Songs ortet er "bestimmte Gefühle, die ich beim Hören hatte und die derart genau gespeichert wurden, dass ich sie nicht einfach Erinnerung nennen kann". Zwischen Platte, Tonarm, Lautsprecher und aufnehmendem Ohr habe sich eine Aufnahmeapparatur gebildet, "die sich als klare Wahrnehmung eigener momentaner Andersartigkeit klar in Worte fassen lässt". Diese Wahrnehmung kehre beim Wiederhören in Form eines Wissens über die eigene Körpergeschichte wieder. Dieser Prozess werde auch von Musikern beschrieben, sagt er und verweist dabei auf Jimi Hendrix. Zu seinem Umgang mit Verstärkern und Verzerrern habe man ihn sagen hören, dass das der Umgang wäre, den er sich mit seinem Körper gewünscht habe. Seine Musik wirke "als Kraft, die den Körper hochhebt und schwingen lässt. Der Jazzsaxophonist Steve Lacy nannte das Magie. Theweleit nennt es Körperpolitik.

Die Zauberflöter

Für diese Osmose von Klang und Körper hält die Psychoanalyse den Begriff der Übertragung bereit, und hier, argumentiert Theweleit, muss das Schreiben über Musik einsetzen: in einer gleichschwebenden Aufmerksamkeit, die den musikalischen Wellengang zunächst als körperliche Erfahrung zulässt, bevor sie sie in Worte übersetzt. Unglücklicherweise war Freud völlig unmusikalisch und hat das auch immer wieder betont. Er empfand Musik als Lärm, fürchtete sie als Konkurrenz, jedenfalls hat sie ihn geradezu bedroht. Auch seine Schüler mochten Musik erst von der Zauberflöte an aufwärts. Das synkopische Stolpern und Zufrühkommen des Jazz aber, der pulsierende Viervierteltakt des schwarzen Rhythm'n'Blues weckt regressive Sehnsüchte, der mit einem Zwang zum Deuten und Einteilen man nicht gerecht wird. Dass Theweleit diese Schwierigkeit am Jazz demonstriert, ist kein Zufall, aber auch keine Bedingung. Er hätte auch die Linie von Elvis bis Neil Young und gewissen Hip-Hop-Sachen ziehen können, sagt er vor dem Auftritt. In Köln zieht er Jazzmusiker wie Sun Ra, Albert Ayler oder Cecil Taylor heran, was ironischerweise mit seinem eigenen Lester-Bangs-Moment zu tun hat. Denn die Veranstaltung ist zugleich eine Vernissage für das Avantgarde-Trio Berger/Schaeffer/Theweleit (BST), das nach 35 Jahren freier Improvisation eine erste CD in der elektrisch verstärkten Besetzung Geige, Cello und E-Gitarre publiziert. Indem der schreibende Gitarrist sein Publikum gleich anfangs mit einem besonders heftigen Ausschnitt quält, drückt er etwas vom Trotz des Schreibenden aus, der die Tastatur mit dem Griffbrett vertauscht und einmal spielen will, um nicht schreiben zu müssen. In der Pause dann finden bloss vier Exemplare seiner Platte einen Abnehmer, während seine Bücher dutzendweise verkauft werden und auch seine Sprechplatten mehr interessieren. Das mag ihn vielleicht ernüchtert haben, bestätigt aber seine These des Schreibens und Musizierens als Konkurrenzverhältnis. Der Schreiber stolpert nicht wie Musik, er stolpert der Musik hinterher - als hinkender Bote. Und wer hinkt, tanzt nicht: VDKHEOQSNCHSHNELXIEN (+&H-SXN+ (E JN?

Berger/Schaeffer/Theweleit (BST): "Viosilence" (Musik-CD); Klaus Theweleit: "Ekstasen der Zeitenmischung.
Geschichtsdarstellung in der Kunst" sowie "Das RAF-Gespenst" (Sprech-CDs); alle bei supposé (www.suppose.de);
Vertrieb durch Vice Versa)